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Erinnerungen an 1945 (I)

 

Erinnerungen an 1945 – Ein Zeitzeugenbericht (in 2 Teilen) Teil 1

Von Käthe Beringer, geb. Kautz, aus Mischdorf /Karpatenland/Slowakei

Kinderlandverschickung (KLV) nach Kärnten.

Im Herbst 1944 erhielten wir durch die Schule die Nachricht, dass im Rahmen der Kinderlandverschickung (KLV) Schüler im Jänner 1945 nach Kärnten reisen könnten. Ich aus Mischdorf und meine beiden besten Freundinnen - Liesl Hinterschuster aus Waltersdorf und Ida Flickinger aus Schildern, waren sofort begeistert von dieser Möglichkeit, denn wir wollten unbedingt nach Kärnten in die Berge, wir kamen ja aus der Tiefebene - der Schüttinsel.

Unsere Eltern wollten uns nicht fahren lassen, deshalb mussten wir unsere Mütter, die auch Freundinnen waren, erst dazu überreden. Dies gelang uns und wir durften mit dieser KLV mitfahren. Niemand ahnte, was uns bevorstand und welche Odyssee wir vor uns hatten. Die Slowakei war ja weitgehend vom Kriegsgeschehen nicht betroffen, während in Österreich der Krieg tobte und gerade im Laufe des ersten Halbjahrs 1945 schließlich seinen Höhepunkt erreichte.

Die Fahrt in das Ungewisse

Am 19. Jänner 1945 trafen wir uns alle in Preßburg am Hauptbahnhof, wo um 10:00 Uhr die Abfahrt sein sollte.

Mit uns fuhren: Maria Hauskrecht - Direktorin der Bösinger Bürgerschule, die uns als Lagerleiterin zugeteilt worden war. Maria Groß - Fachlehrerin aus Oberufer. Vallerie Koretschek - Volksschullehrerin aus Mischdorf, die bei Ida Flickingers Eltern in Untermiete wohnte. Anni Gallschneider - Lehrerin aus Fyrnau. "Fante" Benitzky aus Bösing als Lagerhelferin - mit ihren beiden Töchtern Monika (3 Jahre alt) und „Mausi" (7 Jahre alt).

Unser großes Gepäck hatten wir in Kisten verladen, ich hatte auch Tuchent, Polster und die Bettwäsche mit. In Preßburg bekamen wir für unser großes Gepäck einen Waggon, der mit unserem Zug mitfuhr.

Die Abfahrt wurde jedoch immer verschoben, bis wir abends endlich um ca. 19:00 Uhr abfuhren. Es dauerte nicht lange bis zum ersten Fliegeralarm. Der Zug blieb vor Theben stehen - fast die halbe Nacht. Erst in der Früh am nächsten Tag kamen wir in Wien an. Wir wurden in einer Baracke des Roten Kreuzes untergebracht. Dort bekamen wir Kaffee und eine Suppe. Ein Zug, der uns von Wien nach Kärnten bringen sollte, war erst für den nächsten Tag vorgesehen. Maria Hauskrecht wollte mit uns keine Nacht in Wien bleiben, denn es gab jede Nacht Fliegeralarm. So rannte sie von Behörde zu Behörde und bekam letztendlich doch noch einen Zug abends nach Kärnten, mit dem wir mitfahren konnten. Um 21:00 Uhr ging es endlich los. Ich erinnere mich heute noch daran, eine riesige Dampflokomotive in der großen Südbahnhalle, die bei der Abfahrt dampfte. Deutsches Militär stand auf den Trittbrettern, um mitfahren zu können - das war möglich, weil der Zug nicht sehr schnell fuhr. Es dauerte nicht lange und schon gab es wieder Fliegeralarm. Der Zug blieb im Tannenwald vor Neunkirchen stehen. In dieser Nacht wurde das Gebiet um den Süd- und Ostbahnhof in Wien bombardiert und alles dem Erdboden gleichgemacht. Auch unser Gepäckwaggon wurde dabei beschädigt. Wir haben Maria Hauskrecht sehr viel zu danken, denn wahrscheinlich wären wir alle in dem Barackenlager beim Südbahnhof umgekommen. Unser Zug Richtung Kärnten fuhr nach dem Bombenangriff wieder weiter. Um ca. 5:00 Uhr früh kamen wir in Bruck an der Mur an. Der Zug hatte einen längeren Aufenthalt, wir bekamen über das Zugfenster heißen Tee und Kaffee. Es war sehr, sehr kalt und es gab wahnsinnig viel Schnee. Endlich fuhr der Zug weiter Richtung Süden. Es gab unterwegs noch einige Aufenthalte wegen Fliegeralarm. Am späten Nachmittag mussten wir aus dem Zug aussteigen, denn die Schienen waren bombardiert worden. Weiter ging es dann mit einem Bus, der den kaputten Streckenteil umfuhr. Später wurden wir wieder einwaggoniert und fuhren mit dem Zug weiter.

Ankunft in Mallnitz

Am Abend des 3. Tages um ca. 22:00 Uhr kamen wir endlich in Mallnitz an und wurden im Haus Oswald - auf 1000 m Höhe - einquartiert. In den Zimmern war es sehr kalt und das Essen war schlecht. Maria Hauskrecht suchte im Ort eine neue Unterkunft für uns. So übersiedelten wir in die Pension Edlinger mitten in Mallnitz. Dort bekamen wir dann täglich Unterricht. Das Essen war sehr gut. In Mallnitz gab es auch sehr viele KLV-Lager aus Berlin. Ein gewisser Hr. Stole Gefolgschaftsführer aus Breslau - leitete in Mallnitz alle KLV-Lager. Er wollte jedoch alle Lager mit Schüler und Schülerinnen aus der Slowakei nach Kronau bei Assling, dem heutigen Kranjska Gora, verlegen - auch uns. Unsere Lagerleiterin Maria Hauskrecht weigerte sich aber, weil Tito mit seinen Partisanen schon in den Bergen Richtung Kärnten unterwegs war. Stole sagte, wenn Maria Hauskrecht nicht mit uns nach Kronau geht, käme sie ins KZ und wir erhielten einen Berliner Lagerleiter. Das wollte sie auf keinen Fall, weil sie ja in Preßburg die Verantwortung für uns übernommen hatte. Also fuhr sie mit uns nach Kronau. Wir bezogen Quartier in einer Pension nahe beim Bahnhof. Eine Frau Gontschak war dort Hausfrau und kochte für uns. Wir nannten sie „Hexe“, denn sie war böse auf die Deutschen. Am nächsten Morgen kamen die Schüler der Zipser Bürgerschule mit ihrem Lagerleiter Dr. Lindemann an. Der Zug wurde am Bahnhof von Tieffliegern beschossen. Eine Woche später bekamen wir Befehl, unsere Kisten fertig zu machen, weil Tito sich näherte. Die Kisten standen 1 Woche lang im Hof. Da es geregnet hatte, mussten wir die Kisten wieder öffnen und alles im Hof zum Trocknen aufhängen. Danach mussten wir wieder alles einpacken und die Kisten zunageln. In Kronau hatten wir für 1 kg weißes Mehl, das ich von zu Hause mitgenommen hatte, 1 kg schwarzes Brot eingetauscht, weil wir hungrig waren - das Essen in der Pension war knapp. Die Kisten, die im Hof standen, wurden dann endlich mit dem Zug nach Villach transportiert. Maria Hauskrecht fuhr mit und hatte glücklicherweise wieder mit Zigaretten und Selchspeck Bauern in Seeboden bestochen, dass sie unser großes Gepäck noch am selben Tag mit Ochsenwagen in einen Heustadl nach Seeboden brachten. In dieser Nacht wurde Villach und der Villacher Bahnhof bombardiert. Maria Hauskrecht hat wieder einmal unser Gepäck gerettet.

Anfang April 1945

Es war Ostern. Am 5. April 1945 war Preßburg gefallen und die gesamte Slowakei war von den Russen besetzt worden. Wir erhielten keine Nachrichten mehr von unseren Eltern. Nach Hitlers Selbstmord (30. April) bekamen wir am 2. Mai den Marschbefehl nach Kärnten. Wir mussten zu Fuß über den Wurzen- pass, denn Tito kam bereits von den Bergen herunter. Es gab noch eine Rot-Kreuz-Station und eine deutsche Gendarmerie in Kronau. Am Abend des 1. Mai trat der slowenische Gemeinderat zusammen und schickte 2 Slowenen zur deutschen Gendarmerie zur Übergabe dieses Postens. Die deutsche Gendarmerie aber nahm die 2 Slowenen fest. Als der Hausherr spät abends nach Hause kam, sagte er zu unserer Tante Benitzky: "Wenn bis morgen 5:00 Uhr früh die 2 Slowenen nicht freigelassen werden, werden alle Deutschen niedergemetzelt - auch die kleine 3-jährige Monika!" Wir erfuhren von dem ja nichts, erst später, als wir bereits wieder in Kärnten waren, erzählte uns Tante Benitzky diese Geschichte.

Quelle: Heimatblatt der Karpatendeutschen Landsmannschaft in Österreich, September/Oktober 2015

 

 

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