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Ernst Weiss – ein deutsch-jüdischer Arzt und Schriftsteller

Ernst Weiss – ein deutsch-jüdischer Arzt und Schriftsteller

Am 15.Juni 1940, einen Tag nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris, nahm sich der deutsch-jüdische Arzt und Schriftsteller, Ernst Weiss, das Leben.

Foto: http://gutenberg.spiegel.de/gutenb/autoren/bilder/weisse.jpg

Der  nach Franz Kafka „außerordentlichste Schriftsteller“ und gemäß der Vermutung Stefan Zweigs „das wohl stärkste Talent in der Prosadichtung“ wurde am 28. August 1882 als zweiter Sohn des jüdischen Tuchhändlers Gustav Weiß und seiner Frau Berta in Brünn geboren. Nach seiner Reifeprüfung 1902 am deutschen Gymnasium in Brünn, nimmt Weiss ein Medizinstudium auf und promoviert anschließend in Wien. Es folgen Tätigkeiten an der Klinik Theodor Kochers in Bern und bei Geheimrat August Bier in Berlin, ehe Weiss nach Wien zurückkehrt und eine Anstellung bei Prof. Julius Schnitzler, dem jüngeren Bruder des Schriftstellers Arthur Schnitzler annimmt.  Eine Lungentuberkulose zwingt Weiss, den klinischen Bereich zu verlassen. Stattdessen nimmt er die Stelle eines Schiffarztes auf der „Austria“ beim Österreichischen Lloyd an. Seine Fahrten führen ihn dabei nach Indien und Japan. Die dabei gewonnenen Eindrücke von den beiden Ländern verarbeitet er in seinen Romanen Nahar (1922) und Tiere in Ketten (1918). Tiere in Ketten wurde insgesamt dreimal aufgelegt, 1918, 1922 und 1930. Die Fachwelt spricht besonders in Bezug auf die Überarbeitungen des Werkes sogar von einer Entwicklung des Schriftstellers vom absolut expressionistischen, also sehr direkten, radikalen und ausdrucksvollen Schreiben hin zu einem gemäßigteren Schreibstil. Tatsächlich würdigt Peter de Mendessohn Tiere in Ketten mit folgenden Worten: „Denn Ernst Weiß ist niemals bemüht, dem Abschaum die Gloriole des ‚Allgemein-Menschlichen‘ zu verschaffen. Er hält mit Verstocktheit an seiner niederträchtigen Fabel fest, gestattet ihr keine lieblichen Abwege, schließt keinen der nur zu nahe liegenden psychologischen Kompromisse. Darum, und um seiner brausenden, schwingenden Sprache willen, ist sein Roman ein echtes Meisterstück.“

1914 wird Weiss als Regiments- und Chefarzt in der Etappe und an der Ostfront in das k. u. k. Landwehrinfanterieregiment Linz einberufen. Die Erfahrungen im Kriegsdienst verwandeln Weiss zu einem ausgesprochenen Pazifisten. Er erhält unter anderem 1918 das Goldene Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille. Gleichzeitig erscheinen seine Werke Das Versöhnungsfest. Eine Dichtung in vier Kreisen und Mensch gegen Mensch. In beiden Titeln weist er auf die Grausamkeiten des Krieges hin und macht seine Sehnsucht nach Frieden deutlich. Eine Tätigkeit als Arzt am Prager Allgemeinen Krankenhaus folgt, ehe er aufgrund seines zunehmenden Erfolgs als Schriftsteller die Medizin zugunsten der Schriftstellerei aufgibt. Zu seinen Freunden gehören in dieser Zeit unter anderem die Schriftsteller Ödön von Horvath und Franz Kafka. 1921 zieht Weiss nach Berlin und arbeitet als freier Schriftsteller beim Berliner Börsen-Courier. In Paris, wo Weiss nach dem Tod seiner Mutter (in Prag) lebt und sich schriftstellerisch mehr schlecht als recht als Mitarbeiter bei Emigrantenzeitschriften durchschlägt, erhält er zeitweise Zuwendungen von Thomas Mann und Stefan Zweig. Sein letzter Roman sollte Der Augenzeuge sein.

In dieser Zeit erscheinen auch Bruchstücke seiner Autobiographie, die 1987 zusammengefasst werden. Ernst Weiss schreibt hier über die Vorzüge von Prag und seine heimatlichen Gefühlen, die er wohl nirgendwo sonst hatte:

„Ich habe Prag vor einem Jahr verlassen. Ich habe in dieser Stadt meine liebsten Freunde, meine nächsten Verwandten. Ich danke viel dem Direktor des deutschen Theaters und seinem Dramaturgen. In Prag hatte ich vor allem das Bewusstsein, dass ich und meine Arbeit den Menschen nicht fremd sind. Die Menschen waren mir nicht fremd; wenn irgendwo, hatte ich hier heimatliches Gefühl. Die Stadt war meinem Schaffen günstig. Die eigentümliche Atmosphäre der Stadt, die Begegnung der Hügel mit der grenzenlosen Ebene, des ziehenden Flusses mit den ragenden Kathedralen, die engen Gassen und die weiten Gärten auf den Bergen, alles tat mir wohl. Trotzdem ergab sich mir die Notwendigkeit fortzugehen aus zweierlei Gründen: materiellen und geistigen.“

Das erlebte Kriegsgeschehen – so wird in den Bruchstücken der Autobiographie deutlich - war für Weiss immer präsent, er konnte sich davon nicht erholen und spricht von Verbitterung und Verzweiflung als Grund für sein expressionistisches, radikales schriftstellerisches Wirken. Besonders Thomas Mann und dessen „väterlichen Wohlwollen“ sei er zu Dank verpflichtet, denn er habe ihm wieder Orientierung gegeben, um seinen eigenen Weg zu finden.

Trotz allem nimmt sich Ernst Weiss einen Tag nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris, am 15. Juni 1940 in seinem Hotel das Leben. Viele deutsche, besonders jüdische Schriftsteller waren während des Krieges vor den Nationalsozialisten nach Paris geflüchtet, wo sie übergangsweise in Hotels wohnten. Anna Seghers  hat in ihrem Roman Transit die Situation jener Menschen dargestellt, war sie ja selbst einst nach Paris geflüchtet. Transit thematisiert jedoch nicht nur allgemein das Leben der Schriftsteller im Pariser „Exil“. Der Roman geht näher auf die Umstände des Todes von Ernst Weiss ein. In Transit nimmt die Person Weiss‘ der Schriftsteller Weidel ein. Das mysteriöse am Tod – und an dem Roman: Ein Koffer voller unveröffentlichter Manuskripte von Ernst Weiss alias Weidel werden nie gefunden. Der Roman ist verfasst, als stünde der Leser mitten im Geschehen, mitten im Paris von 1940, und zeigt einzelne (fiktive) Schicksale der „Exil-Schriftsteller“ auf, so beispielsweise deren Zerrissenheit, die Einsamkeit und Verzweiflung.

Wie einsam Ernst Weiss den Tod fand und wie groß seine Verzweiflung gewesen sein muss, wird wohl auch daran deutlich, dass die Lage seines Grabes heute unbekannt ist. Wie Peter de Mendelssohn bereits zitiert wurde – seine Werke sind direkt, sie sprechen von Problemen, wie es sie selbstverständlich während der Kriegszeiten gab, aber auch von immer wiederkehrenden persönlichen Problemen – vielleicht wird auch manchmal zwischen den Zeilen die Person von Weiss erkennbar.

Es ist schade, dass derartige brillante Schriftsteller nur wegen eines sinnlosen Krieges weitestgehend vergessen sind.

Julia Nagel

 

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