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Gernot Facius: Getäuscht und allein gelassen

 

Gernot Facius

„Getäuscht und allein gelassen“

Die deutschen Vertriebenen: Von Opferverbänden zu Trachtenvereinen?

Gerhard-Hess-Verlag, Rilkestr. 3, D-88427 Bad Schussenried, Tel: 0049 (0) 7583/946623, Fax: 0049 (0) 7583/946624, E-Mail: info@gerhard-hess-verlag.de,       www.Gerhard-Hess-Verlag.de

2015, 178 Seiten, Preis: € 16,80

Den Lesern und Freunden des Sudetendeutschen Pressedienstes (SdP) und der „Sudetenpost" ist der Autor kein Unbekannter: Gernot Facius, 1942 in Karlsbad geboren, mütterlicherseits aus der weitverzweigten Bauernfamilie Fritsch stammend, wirft in seiner regelmäßig erscheinenden Kolumne einen kritischen Blick auf den Umgang der deutschen und internationalen Politik mit den Heimatvertriebenen.

Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt" (Bonn / Berlin) hat sich, wie das Egerländer Biographische Lexikon bereits 2005 vermerkte, in Hunderten von Beiträgen mit der Deutschland-, Ost-und Vertriebenenpolitik auseinandergesetzt. In seiner jüngsten Veröffentlichung nimmt er sich dem großen Streitthema der Sudetendeutschen an.

Ausgehend von der umstrittenen Satzungsänderung der SL, welche die Organisation in eine Zerreißprobe treibt, fragt Facius nach dem Sinn dieses Paradigmenwechsels in der Geschichte der Landsmannschaft: Wer ist der Nutznießer dieser angeblichen „Reform"? Wer war der Treiber, wer der Getriebene? Hat sich der Bundesverband der SL in München nun vollends in die Abhängigkeit von der bayerischen Staatsregierung und der CSU unter dem wetterwindischen Horst Seehofer begeben, die in der Tschechischen Republik eigene Interessen verfolgen?

Was ist die Schirmherrschaft des weiß-blauen Freistaates über die Volksgruppe noch wert? War die Streichung der Paragraphen, in denen über Jahrzehnte unwidersprochen von der „Wiedergewinnung der Heimat" und der Forderung nach Entschädigung für das den Sudetendeutschen geraubte Eigentum die Rede war, „alternativlos"? Droht jetzt ein „Krieg der Generationen", der die Volksgruppe zerreißt?

Der Verfasser, vor 20 Jahren an der sudetendeutsch-tschechischen Initiative „Versöhnung '95" beteiligt, ihm wird man schlecht revanchistischer Tendenzen bezichtigen können. Er bettet die aktuelle Entwicklung im bilateralen Verhältnis ein in einen kurzen historischen Abriß des Weges, der von der Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1918 über die europäischen Schicksalsjahre 1938 / 39 und den Zweiten Weltkrieg zum „Transfer" der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien führte.

Er beschreibt die verhängnisvolle Rolle von Präsident Edvard Beneš, ohne ihn allerdings zum Alleinschuldigen an der Vertreibung zu stempeln. Die Umdeuter der Geschichte hören es nicht gerne: Die Schuld an diesem eiskalt geplanten Nachkriegsverbrechen lastet nicht nur auf dem „Liquidator" Beneš und den Kommunisten, selbst tschechische kirchliche Würdenträger sind nicht freizusprechen von politischen Verirrungen; es hatte sich eine „nationale Front" gegen die deutschen Mitbürger verschworen.

Selbst ein Moraltheologe billigte den „Abschub". Sehr spät sprachen die tschechischen katholischen Bischöfe ein Mea culpa, Und heute? Heute wird die Deutsch-Tschechische Deklaration aus dem Jahr 1997 gegen die sudetendeutschen Landsleute in Stellung gebracht. In den meisten deutschen Leitmedien wurde das Dokument als „Versöhnungserklärung" gewürdigt, der Autor dieses Buches nennt sie weiter eine Verhöhnungserklärung, er kann sich dabei unter anderem auf den Kommentator der Prager Zeitung „Lidové noviny" berufen: „Die Erklärung ist eigentlich ein Vertrag der Tschechen und Deutschen auf Kosten der sudetendeutschen Vertriebenen....eine Vereinbarung zwischen Prag und Berlin, wie man das sudetendeutsche Problem umgehen kann, damit es nichts kostet".

Die Deklaration hat freilich keinen Vertragscharakter; so etwas anzunehmen wäre eine Verfälschung der Geschichte. Gleichwohl wird sie für eine Politik des Schlußstrichs instrumentalisiert. Und die Kritik an ihr wird von der Landsmannschaft, wenn überhaupt, nur im Kammerton vorgetragen.

Die „Volksdiplomatie" (SL-Sprecher Bernd Posselt) hat eine gewisse Nachdenklichkeit in tschechischen Intellektuellen-Zirkeln und Kirchenkreisen bewirkt, aber auf der offiziellen politischen Ebene hat man sich vom primitiven Kollektivschuld-Denken nicht verabschiedet, daran ändern auch einige „wunderbare Reden" (Posselt) ehemaliger und aktiver Prager Regierungsmitglieder nichts.

Der Buchtitel („Getäuscht und allein gelassen") bezieht sich vor allem auf die wahltaktischen Solidaritätsadressen der CDU / CSU-Bundesregierungen in Bonn, die sehr bald Makulatur wurden. Er hat aber auch 2015 nichts an Aktualität eingebüßt-.

Das Thema Vertreibung schrumpfte im großen Erinnerungsjahr 2015 zur Randnotiz. Auch das wird in dem Buch nicht ausgespart. Es braucht nicht viel Phantasie, um vorauszusagen, daß sich der Autor mit dieser Veröffentlichung nicht nur Freunde macht. Facius wagt es, trotz seiner Sympathie für Vaclav Havel die „Mythen und Legenden" um den Dichter-Präsidenten zu erwähnen.

Auch die „Lichtgestalt" Havel, der Held der samtenen Revolution, war im Letzten ein Gefangener tschechischen chauvinistischen Denkens. Er mußte als Staatsoberhaupt Stück für Stück von dem zurücknehmen, was er 1989 / 1990 im positiven Sinne über das sudetendeutsch-tschechische Problem geäußert hatte.

2015 hat sich nicht viel geändert, sein Nach-Nachfolger Miloš Zeman tut alles, um das alte Feindbild aufrechtzuerhalten, und die derzeitige Prager Regierung vermag dem wenig entgegenzusetzen.

So betrachtet ist das Buch von Gernot Facius eine vorsichtige Bestandsaufnahme des nach wie vor komplizierten deutsch-tschechischen Verhältnisses. Und eine Mahnung: Den vertrackten böhmischen Knoten zerschlägt man nicht mit „Reformen" a la Posselt / Seehofer, die an der Moldau als Einknicken vor den tschechischen Betonköpfen ausgelegt werden...

 

 

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