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Gernot Facius: Man hätte dies alles wissen können

 

Man hätte dies alles wissen können

von Gernot Facius

Daß der Prophet im eigenen Land nichts gilt, ist eine schmerzliche Erfahrung, dagegen ist offenbar noch kein Kraut gewachsen. Der Zusammenbruch der DDR, und in deren Folge die Deutsche Vereinigung,. kam in den Jahren 1989 / 90 wie ein Naturereignis über die politische Klasse im Westen, obwohl Experten schon Jahre zuvor mit eindrucksvollem Material den Ruin des SED-Systems vorhergesagt hatten. Es verschimmelte in den Aktenschränken Bonner Dienststellen, es wurde ignoriert, man wollte davon nichts wissen. Wer dennoch davon sprach, wurde in den Senkel gestellt.

So stapfte man unvorbereitet, manchmal auch ungelenk, in die neue Lage nach dem Sturz Erich Honeckers. Und plötzlich fabulierten nicht wenige Politiker und Publizisten nach dem schnellen Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes und angesichts des Zerfalls der Sowjetunion von einem Ende der Geschichte. Ein fataler Irrtum, das zeigt auch die aktuelle „Flüchtlingskrise". Auch in diesem Fall wurden Warnungen von kompe­tenter Seite in den Wind geschlagen, die Ge­schichte geht, wie man deutlich sieht, anders weiter.

Über Auflösungstendenzen und Chaos im Mittleren Osten konnte man sehr früh in Zei­tungen lesen. Nicht nur das. Vor zwei Jahren, daran erinnerte jüngst der Historiker Michael Stürmer, hatte die deutsche Bundespolizei für 2015 eine Million Flüchtlinge vorausgesagt - in einem offiziellen Bericht, den offenbar niemand so richtig zur Kenntnis nahm. Professor Stürmer: „Was aber nicht dazu geführt hat, daß Registrierungszentren und Erkennungssysteme eingerichtet oder die EU-Grenzschutzagentur Frontex aufgewertet wurden. Statt dessen wird öffentlich, daß Migranten Dutzende Male registriert werden oder gar nicht. Das ist alles unfaßbar, es ist auch für unsere Nachbarn unfaßbar." Der Historiker und ehemalige Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl scheut sich nicht, das Wort vom „Regierungsversagen" in den Mund zu nehmen: „Wenn wir jetzt nicht Umkehr schaffen, dann werden wir in fünf bis zehn Jahren dieses Land nicht mehr wiedererkennen."

Bereits 2006 hatte Stürmer ein Buch mit dem düsteren Titel „Welt ohne Ordnung" vorgelegt: „Völkerwanderungen, Kriege und Krisen werden die Landkarte umzeichnen." Dem Autor wurde haltlose Schwarzmalerei vorgeworfen. Heute müssen ihm auch diejenigen recht geben, die ihn seinerzeit verlachten. Aber noch immer sind an anderer Stelle plumpe Ablenkungsmanöver im Gange. Manche Attacken gegen EU-Länder, etwa gegen Ungarn und seinen Regierungschef Viktor Orban, sind schlicht unberechtigt. Als Budapest seine Grenzen dichtgemacht hatte, wurde in der Diskussion über diesen, zugegeben spektakulären Schritt, völlig außer acht gelassen, daß Ungarn einfach nur das Schengen-Abkommen einhält. Es schreibt Staaten mit EU-Außengrenze vor, diese Grenzen geschlossen zu halten. Das ist die Voraussetzung dafür, daß „Schengen" funktioniert, daß man sich in der Europäischen Union frei bewegen kann. Wenn man sich nicht daran hält, beginnen einzelne Mitgliedsstaaten wieder, die eigenen Landesgrenzen zu kontrollieren, wie es jetzt der Fall ist.

Natürlich verbietet es sich allein aus humanitären Gründen, die Not der Menschen, die aus den Krisenregionen zu uns kommen, zu ignorieren. Es ist - leider - viel häßliche Rhetorik in der Welt; sie hat es, wie wir wissen, nach 1945 auch gegenüber deutschen Vertriebenen und Flüchtlingen gegeben. Aber niemand verfügt über einen Schalter, mit dem sich per Knopfdruck alle Probleme aus der Welt schaffen ließen. Es gibt auch viel Naivität. Der algerische Autor und Publizist Kamel Daoud hat es auf den Punkt gebracht: Man denkt im Westen beim Flüchtling oder dem Asylsuchenden an dessen Status und nicht an dessen Kultur, die er wahrscheinlich nicht so leicht aufgeben wird; sie ist das, was ihm angesichts seiner Entwurzelung und des Schocks der neuen Umgebung bleibt. Das für die westliche Moderne so fundamentale Verständnis von den individuellen Rechten und dem Verhältnis zur Frau, zu den vielbeschworenen „Werten", wird, so schrieb Daoud in der „Frankfurter Allgemeinen", zumindest dem Durchschnittsmann unter den Flüchtlingen lange unverständlich bleiben. Doch beim Asyl kann es nicht nur darum gehen, „Papiere" zu erhalten, sondern den Gesellschaftsvertrag der Moderne zu akzeptieren. Anders ausgedrückt: Wer den Schutz des Grundgesetzes beansprucht, muß auch dessen Wertebasis akzeptieren. Deutschland hat 2015 mehr als eine Million Schutzsuchende aufgenommen. Es hat damit in besonderem Maße humanitären Pflichten entsprochen. Es muß sich deshalb nicht genieren, auch Forderungen an die zu stellen, die im Schutz des Rechts- und Sozialstaates leben wollen. „Wer aus patriarchalisch geprägten Kulturräumen kommt, wird das nicht ohne weiteres ablegen oder sich sogar gegen die westliche Kultur der Geschlechterparität stemmen", meint Professor Udo Di Fabio, ein ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Das alles unterscheidet die Zuwanderer von heute von den deutschen Vertriebenen und Flüchtlingen. Sie hatten keine Probleme damit, die Werte und Regeln der „neuen Heimat" zu beachten. Es kamen ja Landsleute: Menschen gleicher Sprache, Kultur, Religion und Geschichte. Dennoch: Wer heute, 70 Jahre danach, Bedenken gegen die Massenzuwanderung mit dem Argument auszuräumen sucht, daß es ja gelungen sei, nach Kriegsende rund 14 Millionen Deutsche zu „integrieren", ist - vorsichtig, höflich gesagt - ein Träumer. „Integration" ist ein (zu) großes Wort. Es ist nicht von heute auf morgen einzulösen. Es hat Jahre, ja Jahrzehnte gedauert, bis die Eingliederung der deutschen Menschen aus dem Osten, zumindest unter wirtschaftlich und sozialen Aspekten, abgeschlossen war. Eine ungebrochene Erfolgsgeschichte war das nicht; das wird allenfalls noch von Politikern in Sonntagsreden behauptet. Und von einer „Willkommenskuftur", wie sie in unseren Tagen eingefordert wird, konnte erst recht keine Rede sein.

Daß die Aufnahme der 14 Millionen deutscher Heimatvertriebener nicht zur politischen Dauermalaise wurde und die befürchtete Radikalisierung in der Bundesrepublik ausblieb, schrieb der bei der Berliner Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung" tätige Historiker Andreas Kossert, „dafür zahlten die (deutschen) Vertriebenen mit Verleugnung ihres Schmerzes und kultureller Selbstaufgabe. Sie mußten sich anpassen im Westen ihres Vaterlandes, das ihnen zur kalten Heimat werden sollte." Die Vokabel „Parallelgesellschaft" gehörte damals noch nicht zum deutschen Wortschatz.

Ob das Gros der in Deutschland Zufluchtsuchenden aus dem Mittleren Osten, aus Afrika, den Balkanstaaten und aus Afghanistan zu einer ähnlichen Anpassung bereit und fähig sein werden - das ist vorerst die große Frage. Von der Antwort darauf hängt es ab, ob wir, um nochmals Professor Michael Stürmer zu zitieren, dieses Land in fünf oder zehn Jahren noch wiedererkennen. Zweifel sind durchaus angebracht.

 

Dieser Kommentar von Gernot Facius erschien in der Sudetenpost Folge 3  vom 10. März 2016.

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