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* Ilse Tielsch: Von der Freiheit, schreiben zu dürfen

Ilse Tielsch

Von der Freiheit, schreiben zu dürfen

Herausgegeben von Haimo L. Handl, Nachwort von Helmuth A. Niederle, Umschlag nach einer Fotografie von Sonja Bachmayer AA

2014,  126 Seiten, Format 120 x 210 mm, Hardcover, Farbumschlag,

ISBN 978-3-902787-29-3, Preis: € 14,-- (Versandkostenfrei)

Driesch Verlag, Bahnhofstr. 39, A-2265 Drösing, http://www.drieschverlag.org

Die bedeutendste unter den lebenden sudetendeutschen Schriftstellern, Dr. Ilse Tielsch, hat in diesem Jahr das 85. Lebensjahr vollendet, erfreulicherweise  ist heuer ein Band mit Prosatexten von ihr erschienen.

Unter diesem Titel vereinigt der schön gestaltete Band neun kürzere Prosastücke von Ilse Tielsch, die zum Teil schon früher in verschiedenen Publikationen verstreut erschienen sind und heute nicht mehr so leicht zu finden wären.

Nun wurden sie dankenswerter Weise zusammen­gestellt und mit einem deutenden Nachwort von Helmuth A. Niederle versehen, dem Präsi­denten des Österreichischen PEN-Klubs. Dieses Nachwort gibt die Laudatio wieder, die er auf der Südmährischen Kulturarbeitstagung 2014 gehalten hat und die nunmehr hier nachgelesen werden kann.

Das Buch versammelt Betrachtungen zu zentralen Lebensfragen und bewahrt Erinne­rungs­skizzen aus der Heimat Südmähren. Der erste Beitrag, für eine Literatur­zeitung ge­schrie­ben, befaßt sich mit Betrachtungen über die Freude, die feinsinnig und humorvoll nachemp­fin­dend an Erfahrungen der Schulzeit in Auspitz geknüpft sind.

Drei Dankreden für Preisver­leihungen schließen sich an, in denen das Werk oder die Gestalt des Namengebers ebenfalls mit den Jahren bis zur Vertreibung verbunden ist, deren prägender Einfluß heraufbeschworen wird. Im Jahre 1990 erhielt Ilse Tielsch den österreichischen Anton-Wildgans-Preis, der neben ihr  bedeutenden Autoren wie Ingeborg Bachmann oder Thomas Bernhard zugesprochen wurde.

Ilse Tielsch setzt sich mit zwei Werken des Dichters auseinander, der "Rede über Österreich", in der die "Trägheit der Herzen" beklagt wird, und dem "Kirbisch", einer Verserzählung, in der sie kritisch gesehene Figuren findet, die ihr in der eigenen Zeit auch begegnet sind. Anläßlich der Verleihung des Eichendorff-Preises 1989 stellt sie die Ankunft ihrer Eltern und auch die eigene im zerstörten Wien in Beziehung zu den Wienreisen der Eichendorff-Brüder

Auch zu dem heute viel strapazierten Begriff der Identität macht sich Ilse Tielsch Gedanken, die sie wieder in die südmährische Jugendzeit führen. In dem Beitrag "Sprache, die niemand mehr spricht", erinnert sie sich an ihren Großvater und beschreibt, was Vertreibung für ihn - und andere alte Menschen - bedeutete. Erinnerungen an eine Gasse in der Heimatstadt geben dem Heimatempfinden differenziert Ausdruck.

Der Beitrag "Bissl Böhmisch, bissl Deutsch" beginnt mit dem Satz: "Meine Eltern haben es, so lange sie lebten, abgelehnt, das Land, das ihnen Heimat gewesen war, zu besuchen, sie fürchteten den Schmerz, den ihnen eine solche Reise bereitet hätte." Dem steht der eigene Besuch in der südmährischen Heimat in späterer Zeit gegenüber.

Im längsten Text wird das Schicksal einer Fremdar­beiterin in prägnant gefaßten Momentaufnahmen aus dem Alltagsleben beschworen. Am Schluß steht der Aufsatz, der dem Buch den Titel gab, er reflektiert die Situation einer Schriftstellerin sehr persönlich und doch distanziert.

Die Heimatvertriebenen haben in den Werken von Ilse Tielsch einzigartige Belege dafür, daß die Welt, die sie in inneren Bildern mit sich tragen, eine wirkliche war, die eingebettet war in einen größeren landsmannschaftlichen Rahmen.

Im gesamten Bereich sudetendeut­scher Literatur werden wir nichts Ebenbürtiges mehr finden. Dem Heimat suchenden Leser öffnet sie in sprach­lich differenzierter, sensibler und unmittelbar ansprechender anschau­licher Weise den Zugang zur Wiederherstellung der Erinnerung. Gerade durch distanzierende Darstellung trifft sie das Wesen der Dinge, die Essenz des Augenblicks, sie versagt sich jede Effekthascherei und spricht gerade darum den Leser unmittelbar an.

Nicht zuletzt: ein schönes Geschenkbuch - auch für junge Leute, die sich Zeit zum Nachdenken nehmen.

G.Frodl

 

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