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Jirí Gruša: Beneš als Österreicher

Jirí Gruša

Beneš als Österreicher

 

Essays III Werkausgabe Jirí Gruša Band 9

ca. 200 Seiten, gebunden, Lesebändchen, ISBN: 978-3-99029-092-7

Preis: EUR 21,00 / sfr 30,50

Wieser Verlag, 9020 Klagenfurt, 8.Mai-Str. 12, Tel. +32 (0)463 370 36, Fax: +43(0)463 36-90,E-Mail:  office@wieser-verlag.com ,   www.wieser-verlag.com

Auch als E-Book erhältlich: ISBN: 978-3-99047-016-9

Das letzte Buch des im Oktober 2011 verstorbenen Jirí Gruša trägt den Titel „Beneš als Österreicher“ und beschäftigt sich mit der zweifachen Kapitulation eines Mannes, der auch für die Homogenisierung der nationalen Struktur der Tschechoslowakei verantwortlich war – in deutscher Sprache.

Sein Nachgeben Hitler gegenüber führte zum Komplex des Defätismus, mit dem die Tschechen bis heute Probleme haben. Sein Nachgeben gegenüber Stalin führte den Staat in das sowjetische Imperium. Grušas Buch hat Züge eines Faktenromans. Die Personen sind real, nicht fiktiv. Die Arbeit mit den Fakten ist wissenschaftlich, die mit dem Wort literarisch. Herausgekommen ist eine spannende Lektüre mit Konsequenzen für das tschechische Selbstbild von heute.

Das Echo auf die tschechische Fassung deutet darauf hin, dass nun mit einem neuen Blick auf diese Persönlichkeit hingeschaut wird. Und der Versuch, Denkmäler für Beneš zu bauen, wird in Zukunft schwieriger sein. Für die deutsche und österreichische Leserschaft bietet sich hier eine Gelegenheit der Auseinandersetzung mit dieser „verhängnisvollen Gestalt“, ganz ohne Vorverurteilung durch gewisse Nostalgiker.

Am 14. April 2011 stellte Gruša eine Biographie über Edvard Beneš im Tschechischen Zentrum in Wien vor – leider einstweilen nur in tschechisch.

Jiři Gruša, der nach 1989 für die junge tschechische Demokratie als Botschafter und Unterrichtsminister werkte, bevor er Präsident des internationalen PEN-Clubs wurde, stach damit ganz bewusst in eine Wunde. In Brünn und Prag stellte Gruša das Buch „Beneš jako Rakušan“ (Beneš als Österreicher) noch vor.

Beim Gespräch über das auf Deutsch noch nicht erschienene Werk zeigte sich, dass der einstige Dissident sich auf vorhersehbare Streitgespräche freute.

Gruša machte kein Hehl daraus, dass er den einflussreichsten und verhängnisvollsten Politiker in der jüngeren Geschichte seines Landes nicht mag. Nicht einmal als Person, gegen dessen beamtenhaften Habitus und weinerliche Stimme er ankämpfte. Gruša möchte mit dem Buch das Ende der Legitimation von Beneš beweisen. „Meine Landsleute mögen ihn zwar nicht sonderlich, aber das mit der Vertreibung der Sudetendeutschen – denken viele – war gar nicht übel“.

Um bei der Vertreibung – verniedlichend oft „odsun“ (Abschub) genannt, der oft brutalen Aussiedlung der deutschen Minderheit, anzukommen, holte der Autor weit aus und erklärte dabei seinen befremdlichen Buchtitel: Mit dem deutschen Taufnamen „Eduard“ sei der Nationale Beneš nicht nur als Untertan der Österr.-Ungar. Monarchie zur Welt gekommen. Noch nach seinem Studium in Frankreich verteidigte er den Vielvölkerstaat, den Gruša als „ÖU“ ironisierte.

Aus der ergiebigen Kloake des mitteleuropäischen Nationalismus erstand in Böhmen 1895 die erste nationalsozialistische Partei der Welt- exklusiv der Tschechen, die dem Internationalismus der Sozialdemokratie abschwören wollten. Hitler hätte also, so Gruša, Tantiemen nach Prag überweisen müssen. Für diese rabiate, allerdings nicht rassistische Partei des „Národni socialismus“ wurde Beneš Außenminister, 1935 Präsident der Nation, die er sich mit anderen Politikern im Pariser Exil des Ersten Weltkrieges ausgedacht hatte: Tschechoslowakei.

Während Gruša natürlich an Hitlers und Heydrichs Untermenschenidee kein gutes Haar lässt, zieht er beunruhigende Parallelen zu Beneš, der ohne jede Legitimation mit der Roten Armee nach Prag kommt und am 18. Mai 1945 bei einer Rede auf dem Altstädter Ring die „neue Menschlichkeit“ verkündet.

Standbild oder Gartenzwerg

Der typische Sekretär Beneš, so legt der Autor im Gespräch nach, habe eben niemals gekämpft, sondern immer kapituliert: im Ersten Weltkrieg als Sachwalter Frankreichs im Exil, nach dem Münchener Abkommen auf Hitlers Druck und 1948 als feiger Präsident unter der Knute der Sowjets. Jiři Gruša, der damals mit seiner deutschen Frau bei Bonn lebte, neuerdings sogar deutsch schrieb und sich als Postnationalist damals in bester böhmischer Tradition betrachtete, möchte sein Land vor einer solchen Symbolfigur warnen.

Bei der jüngeren Generation rechnete er mit einer Zustimmung, hat es doch in den letzten Jahren eine Menge Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte im eigenen Land gegeben.

Die habsburgischen Brachialpolitiker Hitler und Beneš waren in Prag vor – und nacheinander dreimal an der Macht gewesen und überließen eine der führenden Industrienationen der Welt den kommunistischen Arbeitslagern und der Armut. Dass es den vertriebenen Sudetendeutschen in Deutschland – das Mutterland Österreich nahm sie nicht auf – am Ende wirtschaftlich viel besser ging, wertete Gruša als weitere Volte im schlimmen Erbe von Beneš.

Sollte dieser unselige Mann von seinem Sockel gestürzt werden? Jiři Gruša, der erklärte Verehrer Schwejks, fand das nicht einmal erforderlich. Eine kleine Hinweistafel an die notorischen Kapitulationen dieses Mannes genüge vollauf.

„Ich habe“, sagt der Autor mit gespielter Müdigkeit, „schon zu oft erlebt, wie Denkmäler umgewidmet, abgebaut, umgestürzt wurden. Ordnen wir Beneš bei den Gartenzwergen der europäischen Geschichte ein. Da sei er in guter Gesellschaft“.

Für Gerhard Zeihsel, dem Bundesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich (SLÖ) stellte sich aber die Frage, ob eine polemische Zerstörung Beneš‘s allein genügt?

„Dass angesichts der großen Verbrechen, die er auf sich geladen hat: 241.000 sudetendeutsche Opfer und der Verlust der Heimat für über 3 Millionen Landsleute – einem Bilderbuch-Völkermord wie es Völkerrechtler Prof. Felix Ermacora nachwies. Dieser verjährt nicht und die Tschechische und Slowakische Republik wird nicht um die Aufhebung des schmutzigen Dutzends der Beneš-Dekrete kommen“, schloss Zeihsel.

 

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