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Keith Lowe: Der wilde Kontinent - Europa 1943 - 1950

Racheakte, Todesmärsche, Vergewaltigungen. Die Schrecken gingen auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges vielerorts weiter. Der britische Historiker Keith Lowe beschreibt in "Der wilde Kontinent", in welchem verrohten Zustand sich Europa nach dem Krieg befand.

Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt, Verlag Klett-Cotta Stuttgart, 22. November 2014. E-Mail: info@klett-cotta.de, ISBN 978-3-608-94858-5

526 Seiten, 26,95 Euro, auch als ebook, www.klett-cotta.de

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa nach sechs schrecklich langen Jahren endlich zu Ende. Von den etwa 65 Millionen militärischen und zivilen Todesopfern, die dieser Krieg gefordert hatte, waren mehr als die Hälfte in Europa umgekommen.

Man könnte denken, dass angesichts all der namenlosen Schrecknisse die Überlebenden froh waren, mit dem Leben davon gekommen zu sein, froh, dass Krieg und Unfreiheit überwunden waren, und sich erschöpft vom jahrelangen Morden der Neuordnung ihrer Lebensverhältnisse widmeten.

Und doch kamen auch in den ersten Nachkriegsjahren Millionen von Menschen gewaltsam zu Tode.

Und vielfach fehlte es auch an dem Willen, dem Töten Einhalt zu gebieten. Diebstahl und Raub, Vergewaltigung und Mord, Racheakte und Pogrome waren an der Tagesordnung.

Griechen kämpften gegen Bulgaren, Serben gegen Kroaten

Ethnische Konflikte brachen mit aller Schärfe auf, Griechen kämpften gegen Bulgaren, Serben gegen Kroaten, Rumänen gegen Ungarn und Polen gegen Ukrainer, wobei nicht selten ganze Dorfgemeinschaften ausgerottet oder vertrieben wurden.

Die größte ethnisch motivierte Umsiedlung betraf die Deutschen. Etwa 14 Millionen Deutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben, von denen nicht viel weniger als zwei Millionen dabei umkamen.

Vielerorts waren Juden weiterhin antisemitischer Verfolgung ausgesetzt. Berühmt ist das Pogrom in Kielce, bei dem am 4. Juli 1946 mehr als 40 Juden von ihren polnischen Nachbarn ermordet wurden. In Frankreich wurden Tausende von Kollaborateuren von ihren Landsleuten getötet, in Italien zahllose Repräsentanten des gestürzten faschistischen Regimes.

Etwa zwei Millionen deutsche Frauen wurden von Rotarmisten vergewaltigt und mehr als Hunderttausend von ihnen bestialisch ermordet.

Von den mehr als elf Millionen deutschen Kriegsgefangenen kamen mehr als eine Million um, die meisten von ihnen in Russland. Dort dauerte die Gefangenschaft viel länger als in den anderen Ländern und die Lebensumstände waren extrem schwierig, aber das erklärt die hohe Sterberate von über 35 Prozent nur zum kleineren Teil. Keith Lowe bemerkt dazu:

"Der Hauptgrund dafür, dass so viele deutsche Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft starben, liegt darin, dass es praktisch niemanden, der sie betreute, interessierte, ob sie lebendig oder tot waren."

 

Ein in Trümmern liegender Kontinent

Der britische Autor entwirft das düstere Bild eines in Trümmern liegenden Kontinents, beleuchtet alle Seiten und beschönigt nichts, verfährt allenfalls bisweilen etwas zu relativierend.

"In Wahrheit hat der moralische Sumpf, den der Krieg erzeugte, niemanden verschont. Alle Nationalitäten und alle politischen Richtungen waren – selbstverständlich in sehr unterschiedlichem Maße – sowohl Opfer als auch Täter zugleich."

Kritisch ist anzumerken, dass das Buch hölzern und ungelenk übersetzt ist. Aber wer sich ein Bild machen will von den schwierigen Jahren des Umbruchs zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit des Kalten Krieges, als Europa sich in zwei Machtblöcke neu geordnet hatte, wird Keith Lowes Buch mit Gewinn zur Hand nehmen.

 

 

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