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Leopold Pölzl-Brücke statt Benesbrücke (2)

 

Leopold Pölzl –

ein würdiger Namensgeber für die Aussiger Elbebrücke

 

In den folgenden zwei Jahren, als die internationale Politik immer hektischer auf München zutrieb, wurde zunehmend deutlicher, dass das Schicksal der DSAP an den Erhalt der ČSR gebunden blieb.

Viele DSAP-Leute fühlten mit den Mitgliedern der Sudetendeutschen Partei, wie sehr sie als Deutsche unter der Benachteiligung im ČSR Staat litten. Sie wussten aber besser als die Henleinleute, was im Deutschen Reich wirklich vor sich ging. Defakto vielfach und gestützt von der Goebbels-Propaganda eilte das deutsche Regime zwar von Erfolg zu Erfolg, aber die Elite der DSAP wusste es besser.

Hinter der Fassade des Erfolgs der NSDAP im Deutschen Reich sah man die Wirklichkeit des nationalsozialistischen Staates, in dem alle Parteien außer der einen verboten waren. Denen, derer man habhaft wurde, waren im Deutschen Reich die KZs und Gefängnisse vorbehalten. Über deren Lage und Funktion wusste die DSAP des Sudetenlandes besser Bescheid als die meisten Bürger des Reiches selbst und sicher besser als die Aussiger Elbtalzeitung dieser Tage.

In der ČSR der 30iger Jahre hielt sich nämlich der größte Teil der Emigration z.B. der deutschen SPD auf, die sich nach 1933 vor dem Zugriff der Gestapo in der ČSR in Sicherheit gebracht hatte. Zu ihnen gehörte unter anderen jahrelang bis 1939 Otto Wels, der am 23.3.1933 dem Ermächtigungsgesetz Hitlers in der Krolloper so eindrucksvoll widersprochen hatte.

Diese Anwesenheit der SPD-Emigration in der ČSR brachte es mit sich, dass über die Kanäle des Widerstands stets ein aktueller Informationsfluss über das Geschehen im Reich in den Reihen der DSAP gegeben war, der auch hinter die Fassade der „glücklichen“ Reichsbürger blickte. Entscheidend ist an dieser Stelle, dass die Information auch weitergegeben wurde und zwar bis zur „letzten Hütte“ der Mitglieder im Sudetenland.

Zur Organisation der DSAP in der ČSR gehörte, dass wöchentlich der „Vorwärts“ verteilt wurde, der vor Augen führte, wie gefährdet viele Parteimitglieder wären, sollten die Sudetengebiete vom Reich übernommen werden. In den Tagen vor München klammerten sich deshalb viele DSAPler an die Vorstellung, die ČSR würde ihr Territorium, also auch die Sudetengebiete, verteidigen.

Für viele DSAPler war das Abkommen von München ein Supergau und der hatte dramatische Folgen. Da auch manchen Sudetendeutschen diese Sachverhalte nicht geläufig sind, sei hier kurz darauf hingewiesen: in den letzten Septembertagen 1938, als sich München abzeichnete, flohen 20 000 DSAPler, oft ganze Familien, ins „Tschechische“ und wurden in Gruppen notdürftig in Lagern untergebracht.

Wir wissen, dass in den folgenden Monaten ca. 3000 von ihnen das Entkommen in die Emigration über das Prager DSAP-Büro gelang. Das beinhaltet die Erkenntnis, dass in den Wochen des Oktober 1938 der größte Teil der 17 000 verbliebenen DSAPler mit Gewalt und Täuschung durch tschechische Behördenvertreter – meist Gendarmen - in die Sudetengebiete zurückgeführt wurden.

Dort wartete nicht selten bereits die Gestapo und nahm die DSAP-Zuginsassen in Empfang. Das hatte oft viel mit Kollaboration zu tun, worüber man heute nicht gern spricht. Aber es darf nicht verschwiegen werden, wenn man sich an die damalige Wirklichkeit heranwagt.

Solchen Rückführungen wäre Leopold Pölzl wahrscheinlich entgangen. Als prominenter Sozialdemokrat hätte er eines der kostbaren Visen im Prager DSAP Büro erhalten. Es ist aus den fraglichen Tagen im Oktober 38 sogar überliefert, dass er mit einigen Freunden in Prag weilte, die sich dorthin geflüchtet hatten und sich um ihre Emigration bemühten. Es liegt nahe, dass er auch mit diesem Gedanken spielte. Er entschied sich dagegen. Dafür mag er verschiedene Gründe gehabt haben. Überliefert ist uns nur einer: Er wollte von seinem geliebten Aussig nicht lassen. So kehrte er in die Stadt zurück.

Gerolf Fritsche


Pädagogischer Arbeitskreis Mittel- und Osteuropa PAMO Hessen

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