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Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz

Lukáš Motyčka – Veronika Opletalová (eds.),

Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz

Literarní procházky německou Olomoucí

(Beiträge zur deutschmährischen Literatur, Band 21), Palacký-Universität Olmütz/Olomouc

Die Palacký-Universität in Olmütz erforscht die deutschmährische Literatur

2012, 176 Seiten, Hart Cover, ISBN 978-80-244-3025-6, reich bebildert, deutsch / tschechisch, Preis: 10,-- Euro. Erhältlich: Vyala Univerzita Palackého v  Olomouci, Křížkovského 8, 771 47 Olomouc, www.vydavatelstvi.upol.cz, e-mail: vup@upol.cz

Natürlich kennen alle Sudetendeutschen eine große Autorin wie Marie von Ebner-Eschenbach und die Schönhengster ihren Fridolin Aichner. Manche mährische Heimatkreise sind stolz auf ihre Schriftsteller wie die Olmützer auf Franz Spunda oder die Südmährer auf Herbert Wessely. Aber im Vergleich zum Bekanntheitsgrad der Prager deutschen Literatur führen die deutschsprachigen Autoren Mährens und Österr.-Schlesiens ein Schattendasein.

 

Und doch gibt es unzählige Beispiele von „Liebeserklärungen in Mähren geborener, auf Deutsch schreibender Autoren an Mähren, an die Hanna, an Olmütz“. So schreibt Ingeborg Fiala-Fürst als Germanistin, eine der Leiterinnen der bereits in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts ins Leben gerufenen Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur in Olmütz. Die Arbeitsstelle ist am Lehrstuhl für Germanistik angesiedelt und leistet neben ihren wissenschaftlichen Aufgaben auch wichtige Öffentlichkeitsarbeit für die Kultur Mährens.

Man ging damals bei der Gründung der Forschungsstelle von etwa zweihundert Autoren aus, doch wuchs die Zahl durch Forschungen in Bibliotheken und Archiven auf heute fast zweitausend Namen. Viele von ihnen sind als Österreicher bekannt, ohne dass ihre Herkunft aus Mähren erwähnt wird. Deshalb sammelt und sichtet die Arbeitsstelle Quellen und Informationen und versucht eine tatsächliche Bestandsaufnahme der deutschmährischen Literatur. Ein Lexikon deutschmährischer Autoren in zwei Bänden als auffüllbare Sammelordner, eine Reihe „Beiträge zur deutschmährischen Literatur“ mit bereits 20 Bänden, eine Reihe „Poetica Moraviae“ mit tschechischen Übersetzungen und eine Fülle von deutsch geschriebenen Diplom- und Magisterarbeiten und Dissertationen zeugen bereits heute vom Erfolg des bewundernswerten und  in Österreich und Deutschland bisher viel zu wenig bekannten Projekts.

Wir werden in den nächsten Ausgaben unserer Mitteilungen auf manche Sammelbände und einzelne Arbeiten, die bereits in Deutsch vorliegen, genauer eingehen. Heute stellen wir nur ein zweisprachiges Werk vor, „Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz“, das Lukáš Motyčka und Veronika Opletalová herausgegeben haben. In seiner Einleitung bedauert der Nestor dieser Forschung, Prof. Ludvik Václavek, dass die wissenschaftliche Erforschung der deutsch verfassten mährischen Literatur nach 1945 außerhalb der Wahrnehmung von Schule und Medien nur vegetierte. „So verschwand ihre Existenz aus dem Bewusstsein mehrerer Generationen. Der Standpunkt einer primitiven tschechischen Deutschfeindlichkeit, die von dem bornierten Regime geschürt wurde, ist heute zum Glück überwunden. Der deutsche Anteil an der Olmützer Vergangenheit wird nicht mehr verschwiegen. Die gegenwärtige Generation kann endlich die von den deutschen Bürgern der Stadt geschaffenen Werte frei kennenlernen und würdigen.“

Das vorliegende Buch ist solch eine Würdigung, für die jeder Deutschmährer dankbar sein sollte. Es ist das Ergebnis der Projekte der Forschungsstelle in populärwissenschaftlicher Form und zeigt in 20 Kapiteln mit vielen Illustrationen auf, wie groß die Zahl deutschsprachiger Literaten im alten Olmütz, der ehemaligen Hauptstadt Mährens (und des immer noch geistlich-geistigen Zentrums des alten Kronlandes) war. Es sind tatsächlich literarische Wanderungen durch Zeit- und Kulturräume, vertieft durch Angaben über literarische Persönlichkeiten und eingebettet in die künstlerischen und architektonischen Kostbarkeiten der Stadt, die nach Prag den größten Reichtum an architektonischer und kultureller Substanz in der heutigen Tschechischen Republik hat.

Wir nennen unter den vorgestellten Autoren nur Namen wie Johanna Anderka, Ottokar Stauf von der March, Irmgard Josefine Richter und Andreas Ludwig Jeitteles, aber auch Josef Freiherr von Petrasch, Adolf Brecher, Max Zweig, Franz Spunda und andere. Überschriften einzelner Kapitel wie Olmützer Kirchen, Olmützer Villen oder Olmützer Friedhöfe sind wahre Wegweiser zu Sehenswürdigkeiten der Stadt, ebenso wie die Beiträge mit Titeln wie „Die Universität und die Olmützer Dichterschule“, „Deutsche Kulturvereine“ und „Olmütz und die Juden“ wahre Entdeckungsreisen durch die Kulturgeschichte von Olmütz sind.

Sorgfältig ausgewählte Zitate der Autoren machen die Geschichte lebendig. Der Rezensent und Schreiber dieser Zeilen kann dem liebevoll gestalteten und wirklich gelungenen Buch nur weiteste Verbreitung wünschen: Es ist objektiv und versöhnlich, nennt die historische Wahrheit (auch über die Zeit der schlimmen Jahre zwischen 1939 und 1945) beim Namen, ohne falsche Verurteilung durch die Nachgeborenen, die wir heute in manchen Werken in Deutschland finden. Die Herausgeber Lukáš Motyčka und Veronika Opletalová haben ein bemerkenswertes Werk geschaffen, das nicht nur alle interessierten Mährer, sondern auch möglichst viele andere Mitteleuropäer kennen sollten, zum Segen für das deutsch-tschechische Verhältnis und für ganz Mitteleuropa.

 

 

Rudolf

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