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L.Motyčka – B.Veselá: Deutschmährische Literatur

Lukáš Motyčka – Barbora Veselá (Hrg.),


Anthologie der deutschmährischen Literatur.
Antologie německé moravské literatury. (=Poetica Moraviae 7)

2014, Univerzita Palackého v Olomouci   2 Bände. 590 bzw. 526 Seiten. Preis: 200,-- Kč

ISBN:978-80-244-4225-9, Bestellungen über Universitätsverlag Olmütz: prodejna.vup@upol.cz

Eine deutschmährische Anthologie aus Olmütz

Natürlich kennen alle Sudetendeutschen eine große Autorin wie Marie von Ebner-Eschenbach und die Schönhengster ihren Fridolin Aichner. Manche mährische Heimatkreise sind stolz auf ihre Schriftsteller wie die Olmützer auf Franz Spunda oder die Südmährer auf Herbert Wessely. Aber im Vergleich zum Bekanntheitsgrad der Prager deutschen Literatur führen die deutschsprachigen Autoren Mährens und Österr.-Schlesiens ein Schattendasein.

Und doch gibt es unzählige Beispiele von „Liebeserklärungen in Mähren geborener, auf Deutsch schreibender Autoren an Mähren, an die Hanna, an Olmütz“. So schreibt Ingeborg Fiala-Fürst, Professorin für Germanistik und Leiterin der bereits in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts ins Leben gerufenen Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur an der Palacký-Universität in Olmütz. Die Arbeitsstelle ist am Lehrstuhl für Germanistik angesiedelt und leistet neben ihren wissenschaftlichen Aufgaben auch wichtige Öffentlichkeitsarbeit für die Kultur Mährens.

Man ging bei der Gründung der Forschungsstelle von etwa zweihundert Autoren aus, doch wuchs die Zahl durch Forschungen in Bibliotheken und Archiven auf heute fast zweitausend Namen. Viele von ihnen sind als Österreicher bekannt, ohne dass ihre Herkunft aus Mähren besonders erwähnt wird. Deshalb sammelt und sichtet die Arbeitsstelle Quellen und Informationen und versucht dadurch eine tatsächliche Bestandsaufnahme der Bandbreite deutschmährischer Literatur. Ein Lexikon deutschmährischer Autoren in zwei Bänden als auffüllbare Sammelordner, eine Reihe „Beiträge zur deutschmährischen Literatur“ mit bereits über 20 Bänden, eine Reihe „Poetica Moraviae“ mit tschechischen Übersetzungen und eine Fülle von deutsch geschriebenen Diplom- und Magisterarbeiten und Dissertationen zeugen bereits heute vom Erfolg des bewundernswerten und bei uns in Deutschland und Österreich bisher viel zu wenig bekannten Projektes.

Schon das zweisprachige Werk „Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz“, das Lukáš Motyčka und Veronika Opletalová herausgegeben haben, zeigte auf, wie groß die Zahl deutschsprachiger Literaten im alten Olmütz, der ehemaligen Hauptstadt Mährens (und des immer noch geistlich-geistigen Zentrums des alten Kronlandes) war. Dieses Buch bot dem deutschen und tschechischen Leser literarische Wanderungen durch Zeit- und Kulturräume, vertieft durch Angaben über literarische Persönlichkeiten und eingebettet in die vielen künstlerischen und architektonischen Kostbarkeiten der Stadt, die nach Prag den größten Reichtum an architektonischer und kultureller Substanz in der heutigen Tschechischen Republik hat.

Nun haben Lukáš Motyčka und Barbora Veselá eine Anthologie der deutsch-mährischen Literatur herausgegeben, und zwar in zwei Bänden in deutscher und tschechischer Sprache. Die Herausgeber skizzieren in ihrer Einleitung die Schwierigkeiten jeder neuen Anthologie und leugnen nicht das persönliche Engagement, ja die Subjektivität ihrer Auswahl. Sie wehren sich dagegen, dass gegenüber der im deutschen Sprachraum bekannten Prager Literatur „die gesamte literarische Tradition aus der sog. sudetendeutschen Provinz als rabiat nationalistisch bzw. nationalsozialistisch, politisch regressiv, chauvinistisch und konservativ abgestempelt“ wird.

Ihre Auswahl ist kein Lobgesang auf die Schönheiten  Mährens, will keine Beschreibung mährischer Landschaften sein und kein Reiseführer in den kulturellen Reichtum des Landes. So weisen manche Erzählungen keine topographischen Bezüge zu Mähren auf, andere aber führen in das Altvatergebirge und in verschiedene Orte Mährens und Österr.-Schlesiens. Die Herausgeber legen eine Prosa-Anthologie vor: Ein Band enthält die deutschen Originale, der andere die Übersetzung ins Tschechische. Man verzichtete bewusst auf bereits öfter publizierte Texte, um „dem Leser weniger bekannte Texte berühmter Dichter schmackhaft zu machen.“ So nahmen die Herausgeber kein Werk von Hermann Ungar aus Boskowitz auf, da sein komplettes Werk in tschechischer Übersetzung vorliegt.

Vertreten sind in unterschiedlicher Länge der Texte diese Autoren in alphabetischer Reihenfolge: Karl Brand, Jakob Julius David, Marie von Ebner-Eschenbach, Ernst Wolfgang Freißler, Karl Wilhelm Fritsch, Elisabeth Janstein, Oskar Jellinek, Marie Knitschke, Eduard Kulke, Philipp Langmann, Otto Leixner, Mechthilde Lichnowsky, Ernst Lothar, Hans Müller-Einigen, Robert Musil, Leopold Wolfgang Rochowanski, Ferdinand von Saar, Richard von Schaukal, Eugen Schick, Pankraz Schuk, Charles Sealsfield (Karl Postl), Ernst Sommer, Franz Spunda, Ottokar Stauf von der March, Karl Hans Strobl, Ernst Weiß und Ludwig Winder.

 Ein Portrait und eine kurze Einführung zu jedem Autor erleichtern den literarischen Zugang. Die Auswahl der 30 Autoren umfasst Herkunftsorte aus den alten Kronländern Mähren und Österreich-Schlesien, aber auch „mährische“ Autoren wie den in Klagenfurt geborenen Musil, dessen Familie aus der Sprachinsel Wischau stammte und der seine Kindheit in Mähren verbrachte. Wie Lukáš Motyčka im Vorwort betont, bedeutet das Wort Anthologie „Blumenlese“, lateinisch Florilegium. Deutsche und tschechische Leser können nur auf der kultivierten Wiese dieser beiden Bände die schönsten Blumen pflücken.

 

Rudolf Grulich

 

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