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Paul Engelmann (1891-1965) - ein bemerkenswertes Leben

Paul Engelmann (* 14. Juni 1891 in Olmütz; † 5. Februar 1965 in Tel Aviv-Jaffa)

Utl.: Sein Leben im Schatten großer Denker

Paul Engelmann - Architekt, Kulturphilosoph, Literat

Wer war Paul Engelmann? Die gegenwärtigen Daten sagen uns wenig über sein Leben. Engelmann war ein Mensch, der ein äußerst konstruktives Leben im Schatten von Größen lebte. Von seinen Enttäuschungen ließ er sich nicht unterkriegen, sondern er versuchte mit ganzer Kraft die Welt zu verbessern. Dieser Versuch geht auch auf das kulturelle Erbe der deutsch-jüdischen Gemeinde in Olmütz zurück, deren Mitglied Engelmann auch fern der Heimat blieb.

Paul Engelmann wurde 1891 in Olmütz, dem heutigen Olomouc, in Mähren geboren. Damals war Olmütz eine mittelgroße Provinzstadt mit circa 50.000 Einwohnern und einer großen Vergangenheit. Olmütz prägte Engelmanns gesamtes Leben. Trotz all der Schicksalswendungen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlor Engelmann nie den Kontakt zu seiner Heimatstadt, auch nicht nach seiner Emigration nach Eretz Israel 1934 und später.

Als Landeshauptstadt Mährens und Sitz des mährischen Metropoliten war Olmütz einst ein bedeutendes politisches und kulturelles Zentrum. Das Stadtbild war allein schon durch die Anwesenheit der drei verschiedenen Bevölkerungsgruppen, von Deutschen, Tschechen und Juden recht bunt und vielfältig. Die Anwesenheit von jüdischen Kaufleuten ist seit dem 12. Jahrhundert belegt. Ab 1454 änderte sich die Situation allerdings schlagartig. Aufgrund eines Erlasses wurden alle Juden aus den königlichen Städten, darunter auch Olmütz, ausgewiesen.

Noch 1745 bestätigte Kaiserin Maria Theresia das Aufenthaltsverbot von Juden in königlichen Städten. Erst das Jahr 1848 brachte der jüdischen Bevölkerung die vollen Bürgerrechte. In der Folge kam es zu einer massiven Einwanderung in die vorher verbotenen Städte, die bessere Möglichkeiten für Handel, Gewerbe und Bildung boten. Damit waren ein ökonomischer Aufstieg vieler Juden und eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse verbunden, die zum Wachstum der jüdischen Bevölkerung beitrug. Olmütz verzeichnete damals einen starken Zuwachs jüdischer Einwohner aus anderen Gemeinden Mährens. 1857 waren nur 72 Personen jüdischer Herkunft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten die Juden mit einer Zahl von 1.676 acht Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Die Familie Engelmann

Die Familie Engelmann lebte direkt im Zentrum von Olmütz, wo Paul Engelmanns Vater, Max (1856-Todesdatum nicht bekannt), ein jüdischer Kaufmann, ein Geschäft hatte. Der Blick von der Wohnung war malerisch. Direkt vor dem Haus fand allwöchentlich ein Markt mit buntem Treiben statt. Die Engelmanns waren unter den Bürgerfamilien der Stadt angesehen, nicht zuletzt aufgrund der Herkunft der Mutter, Ernestine. Sie war eine mütterliche und warmherzige Frau, die in der Wohnung der Engelmanns für die Familie und für Gäste für eine herzliche Atmosphäre sorgte. Es ist nicht zuletzt ihr zu verdanken, dass viele Künstler und Intellektuelle bei den Engelmanns aus und ein gingen.

Engelmanns Leben

Engelmanns Sichtweise war sowohl von seiner Olmütz Herkunft geprägt, als auch von seiner Studienzeit in Wien und seinen Begegnungen mit Adolf Loos und Karl Kraus, von seiner Bekanntschaft mit Ludwig Wittgenstein während des Ersten Weltkriegs, und von seinem Leben in Tel Aviv nach seiner Emigration 1934.

Um die versunkene Welt heute besser verstehen zu können, müssen ihre Beschaffenheit und Bedeutung rekonstruiert werden. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Engelmann nach Wien kam, da Olmütz zur Zeit der Monarchie – vergleichbar mit Pressburg – praktisch ein Vorort der Hauptstadt des Habsburgerreiches war. Auch ist es sicherlich kein Zufall, dass Engelmann als junger, kritischer Architekturstudent aus Olmütz auf den Kreis der kritischen Moderne in Wien traf.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Paul Engelmann intensiv mit Fragen der Religion beschäftigte, wobei es ihm dabei nicht um eine bestimmte Religion, sondern um Religiosität im Allgemeinen ging. Engelmann, der mährisch-jüdische Architekt, Denker und Literat, wird meist im Zusammenhang mit Ludwig Wittgenstein erwähnt. Engelmanns Auslegung des „Tractatus logico-philosophicus“ in dem 1967 posthum veröffentlichen Buch „Letters from Wittgenstein with a Memoir“ warf ein neues Licht auf den frühen Wittgenstein.

Für Engelmanns Freund, den Dichter Elazar Benyoëtz, war Engelmann ein Mann voller Hoffnung. Er war fast immer voller Humor und positiver Kritik. Trotz seines schweren Lebens verlor er nie den Mut. Von allen Schicksalsschlägen, die ihn erteilten, wie seine Tuberkuloseerkrankung als Kind und später die Ermordung seiner Verwandten durch die Nationalsozialisten, ließ er sich nicht unterkriegen, auch wenn er häufig dem völligen Zusammenbruch nahe war. Immer wieder nahm er alle Kraft und allen Mut zusammen.

Seine Energie steckte er in seine Arbeit an seinen Ideen zur Verbesserung der Gesellschaft. Nie verlor er den Glauben daran, dass die Welt durchaus verbessert werden könnte. Stets blieb er ein konstruktiver Mensch und gab seine Ideale sein Leben lang nicht auf. In dieser Hinsicht kann er wohl paradigmatisch als einer der letzten Menschen einer romantischen Generation gesehen werden.

Engelmann bildete sich stets weiter, und das auf den verschiedensten Gebieten. Die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft baut er in seine idealistischen Vorstellungen vom Menschen und der Gesellschaft der Zukunft ein. Im Umgang mit anderen war er zuvorkommend und liebenswürdig, außer wenn es um seine eigenen Ansichten ging. Durch seine Begeisterung gelang es ihm, seine Zuhörer mitzureißen. In Gesellschaft sprühte Engelmann oft vor Witz. Paradoxer Weise kommt sein Humor in seinen Schriften kaum zum Vorschein. Dazu gab er sich wohl zu sehr den Problemen hin, nahm sie zu ernst, um locker darüber schreiben zu können.

(Quelle: http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/bibliothek/pdf/bakacsy-engelmann-fertig.pdf

Auszüge aus dem Buch Paul Engelmann (1891-1965) – Ein biographischer Versuch von Judith Bakacsy)

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