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R. Ṧvάcha: Berühmte Villen in Mittelböhmen

Rostislav Ṧvάcha (Hrsg):

Beileibe keine Böhmischen Dörfer

Berühmte Villen im Kreis Mittelböhmen

Mit Fotografien u. a. von Jiri Podrazil. Foibos-Verlag, Prag 2011

Der Schirmherr dieser Publikation und Kreishauptmann des Mittelböhmischen Kreises, Dr. David Rath, Minister a. D., ist durch Gerichtsverfahren über die Tschechische Republik hinaus bekannt geworden. Das beeinträchtigt die Qualität dieses reich bebilderten Buches nicht, das sich der Geschichte einzelner Villen und Villensiedlungen des Mittelböhmischen Kreises widmet. Sie wurden von wohlhabenden Prager Bürgern errichtet, die Lärm und Verkehr der Hauptstadt entkommen wollten.

Einige der so geprägten Orte wurden Treffpunkte der feinen Gesellschaft, Unternehmer, Künstler, Politiker, Militärs und Schriftsteller besuchten sie in der Sommerfrische. Die Architekten des 19. Jahrhunderts und der folgenden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hatten dort reiche Entfaltungsmög-lichkeiten und gestalteten sehr individuelle Bauten, die mit ihrer Baugeschichte, mit Beschreibungen des Äußeren und der Innenräume mit entsprechenden Abbildungen und Fotografien sowie biografischen Angaben über Erbauer und Eigentümer vorgestellt wurden.

Auch die mehr oder weniger bekannten oder notorischen Besucher werden benannt, so B. Smetana, K. Capek, Vater und Sohn Masaryk, Protektoratspräsident Emil Hacha, EB K. Kašpar, A. Rašin, Rafael Kubelik und der unvermeidliche Edvard Beneš.

Die Architektennamen werden dem deutschen Laien wenig sagen. Es sei aber hier Josef Schulz (1840–1917) genannt, der die malerisch gelegene Villa Viktorin in den Weinbergen von Melnik erbaute, im Übrigen auch das Nationalmuseum in Prag. Hier wie bei anderen Persönlichkeiten wird die deutsche Nationalität nicht spezifiziert.

Von den insgesamt 56 aufgenommenen Bauten, die bis in die jüngste Zeit reichen, sollen nur einige aufgeführt werden. Die grandiose Villa der Textildynastie Leitenberger in Josefstal bei Jungbunzlau/Mlada Boleslav, deren Architekt nicht eindeutig benannt werden kann, stellt ein bedeutendes Baudenkmal im Still der Neorenaissance dar. Leider wird der heutige Zustand als herunter­gekommen bezeichnet.

Eine weitere Fabrikantenvilla ist die der Familie Mandelik (Neues Schloss), ein Umbau des Schlosses Ratbor. Die jüdische Familie hat die NS-Zeit trotz zeitweiliger Inhaftierung eines Mitglieds in der Emigration überstanden und ihren Besitz in den 90er Jahren zurückerhalten.

Als Schmuckstück der tschechischen Vorkriegsarchitektur wird die Villa der Eheleute Schauer in Jevany bei Prag hervor-gehoben, in der Tat ein äußerst modernes und attraktives Bauwerk, das 1948 von der kommunistischen Regierung beschlag­nahmt wurde und bis zum Zusammenbruch des tschechischen Kommunismus dem sowjetischen Botschafter als Sommersitz diente.

Während man die „Villen“ von Karel Ćapek oder Josef Lada eher als normale Häuser einstufen muss, hat die kommunis-tische Politclique schon in den 50er Jahren eine exquisite Anlage am Orlik-Stausee errichten lassen, u. a. eine große Villa mit Schwimmbad für den damaligen Präsidenten Novotny (die heute verfällt).

Geheim und streng abgeschirmt von der „Arbeiterklasse“ wurde der Bau von den Strafgefangenen des berüchtigten Gefängnisses Pankrác errichtet, wo die kommunistische Nomenklatura eine große Auswahl an billigen Arbeitskräften eingesperrt hatte. Natürlich orientierte man sich an westlichen Stilmustern und baute keine einfachen Wochenendhütten.

Das sorgfältig erarbeitete Buch bietet vielfältige Einblicke in das Leben vor allem der wohlhabenden Bürger und Großbürger Böhmens zur österreichischen Zeit, der nachfolgenden Tschechoslowakei und der Zeit des kommunistischen Niedergangs mit einem Ausblick auf den Neubeginn 1989.

Im Gegensatz zu Deutschland und anderen europäischen Nachbarn hat es – von Lidice abgesehen – in diesem Teil Böhmens keine Zerstörungen gegeben, architektonisch anspruchsvolle Gebäude blieben erhalten und trotz wechselvoller politischer Systeme „Heimatlandschaften“.

Rüdiger Goldmann (KK)

 

 

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