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Sd-Heimatpfarrer in der Vertreibung (Vortrag)

Vortrag: „Sudetendeutsche Heimatpfarrer in der Vertreibung“ mit Julia Nagel.

 

  

       v.l. Dr. Hampel, Julia Nagel, Prof. Grulich             

Der Tag der offenen Tür am 20. Feber im Haus Königstein in Geiß-Nidda brachte wie immer viele neue Erkenntnisse für die Besucher, was im Anschluss des Vortrages in der Diskussion bestätigt wurde. Julia Nagel referierte über die Lage der sudetendeutschen Heimatpriester nach der Vertreibung. Wie wurden die vertriebenen Priester in Deutschland von den Diözesen aufgenommen? Welche Unterstützung bekamen sie von den Bischöfen?

Begrüßt durch den Vorsitzenden des Instituts für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien e.V., Prof. Dr. Adolf Hampel, der selbst in Königstein studiert hatte und anschließend dort als Dozent tätig war, erklärte die Referentin, dass über 3000 Priester aus dem Osten nach der Vertreibung aus ihrer Heimat nach Deutschland kamen, darunter fast 1800 aus dem Sudetenland.

Während für ihre Pfarrkinder hier ein völlig neues Leben begann, gehörte der ostdeutsche Klerus kirchenrechtlich noch immer seiner Heimatdiözese an. Zwei päpstliche Dekrete aus den Jahren 1946 und 1955 hatten vorübergehend das Weiherecht und die Inkardination der ostdeutschen Theologen geregelt, da von Seiten der Kirche wie auch von Seiten der Vertriebenen der Glaube an die Rückkehr in die Heimat auch zehn Jahre später keinesfalls aufgegeben worden war.

Was bedeutete das für die Priester? Ihre Titel wären im Westen nicht anerkannt worden berichtete die Referentin, die mit einer Arbeit über vertriebene Priester aus Mähren ihr Studium beendet hatte. Sie betonte, dass der vertriebene Klerus seine priesterliche Tätigkeit nicht so ohne weiteres ausüben konnte. Die Heimatpriester seien zwar in Deutschland sehr gebraucht worden, doch wären ihnen die einheimischen Mitbrüder, auch manche Bischöfe, zumeist mit Misstrauen entgegen getreten. Weder die vertriebenen noch die Priester der Ankunftsdiözesen wären auf diese Situation vorbereitet gewesen.

Die Referentin führte weiter aus, dass sich in Hessen seit der Vertreibung 1945/46 die konfessionelle Situation von evangelischer und katholischer Bevölkerung veränderte. Durch den unfreiwilligen Einstrom der überwiegend katholischen sudetendeutschen heimatvertriebenen Gläubigen mangelte es nun an katholischen Gotteshäusern. Unerwartete Hilfe wäre von Pater Werenfried van Straaten aus Belgien gekommen, erklärte Frau Nagel.

Erschüttert über die Not in Deutschland hatte er seine Bettelpredigten in Belgien gestartet und nahm dankbar den „Speck“ der Bauern an, um den Gläubigen und Heimatpriestern zu helfen. Daher auch sein Name „Speckpater“. Schon 1947 hatte er erste Artikel über die Möglichkeit zur Hilfe für die Vertriebenen veröffentlicht. Durch ihn sei auch die Idee der „Fahrenden Kirche“ mit Kapellenwagen geboren worden, die das „Rucksackpriestertum“ in der katholischen Diaspora abgelöst hatte und so die Heimatpfarrer zu Hoffnungsträgern für ihre Volksgruppe werden ließ.

Ein Teil der Heimatpriester, wie zum Beispiel Pfarrer Anton Rawitzer, der seit 1946 die Pfarrgemeinde Echzell aufbaute, hatten zwar eine „Lokalkaplanei“ erhalten, wie man die Pfarrstellen der vertriebenen Seelsorger im Bistum Mainz genannt habe, doch es gab kaum eine kirchliche Grundausstattung. So hatte Rawitzer, wie er 1996 erzählte, kurzer Hand sein einziges ihm zugewiesenes Zimmer zur Kirche umgewandelt und das „Allerheiligste in einer Blechdose in der Schublade“ aufbewahrt. Sein mit Prof. Grulich 1996 geführtes Interview über die Pionierarbeit ist ein lebendiges Zeugnis für diese Zeit.

Die Gründung der Königsteiner Anstalten war bereits 1946 erfolgt. Der aus dem Ermland vertriebene Bischof Maximilian Kaller war vom Papst Pius XII. zum Vertriebenenbischof für Deutschland ernannt worden. An seine Seite holte er sich den späteren Prälaten Prof. Dr. Adolf Kindermann, der bis zu seiner Vertreibung das deutsche Priesterseminar in Prag geleitet hatte.

Frau Nagel stellte fest, dass unter Kaller und nach dessen frühen Tod 1947, verstärkt unter Kindermann die Königsteiner Anstalten zum Inbegriff für die Aus- und Fortbildung ostdeutscher Theologen geworden seien. Auf dem Gelände der ehemaligen französischen Kaserne entstanden das Priesterseminar, die Philosophisch-Theologische Hochschule, das Konvikt und verschiedene Institute. So konnten unter anderem die zur Wehrmacht eingezogenen Theologiestudenten das Abitur nachholen.

In Königstein wurden auch Tagungen und Wallfahrten durchgeführt. Die Kirche im Osten sei trotz der Vertreibung keinesfalls vergessen worden. Aus der von P. Werenfried gegründeten Ostpriesterhilfe resultierte – nachdem die größte Not gelindert war – das heute noch international tätige kirchliche Hilfswerk KIRCHE IN NOT, das sich zur Zeit des Eisernen Vorhangs im Rahmen von internationalen Kongressen im Hause der Begegnung mit der Kirche hinter dem Eisernen Vorhang befasste.

Die Referentin betonte zum Schluss, dass mittels der von Kindermann und seinen Mitarbeitern organisierten Wallfahrten und Exerzitien, die nicht nur für den Klerus angeboten worden seine, die heimatvertriebenen Gläubigen, Trost und auch wieder Mut und Zuversicht für die ungewisse Zukunft schöpfen konnten.

Dieser hochinteressante Vortrag wurde mit viel Beifall gewürdigt. Anschließend fand eine rege Diskussion statt. Unter den Anwesenden fanden sich auch einige Zeitzeugen, die die Ausführungen von Julia Nagel bestätigten, da sie in Königstein an Bundeswochen der Ackermann-Gemeinde und der Jungen Union teilgenommen hatten. Rudolf Grulich und Adolf Hampel konnten als letzte aktive ehemalige „Königsteiner“ wertvolle Ergänzungen einbringen.

Angelika Steinhauer


Am 5. März wird Professor Grulich um 14.00 Uhr beim nächsten Tag der offenen Tür auf Wunsch vieler Teilnehmer das Thema „Josefinismus“ behandeln und zeigen, warum die Sudetendeutschen für „böhmisch-katholisch“ gehalten wurden. Auch soll im Sommer die Lage der evangelischen und altkatholischen Sudetendeutschen behandelt werden.


Das gedruckte Interview mit Pfarrer Rawitzer kann im Haus Königstein bestellt werden.

Bestelladresse:

Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien e.V., Haus Königstein, Zum Sportfeld 14, D-63667 Nidda

E-Mail: haus-koenigstein.nidda@t-online.de


 

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