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Sieghard Gall: Erinnerung, Ansichten,Einsichten

Sieghard Gall

Erinnerung, Ansichten, Einsichten.

Ein Psychogramm Vertriebener aus Böhmen

 

München 2012, 182 S., Art.Nr.: F-001,  100 farbige Diagramme, broschiert, 24,- €

Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen/Elke Wilming, Kaiserstr. 113, 53113 Bonn

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Bestandsaufnahme und Psychogramm der Erlebnisgeneration

Sudetendeutsche Empfindungen

Ab 2011 war Sieghard Gall, ein aus dem Kreis Hohenelbe stammender Meinungsforscher, unterwegs, um die heutigen Standpunkte von ehemals in Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien ansässigen Betroffenen zu erkunden. Man muß dem Autor sehr dankbar sein für seine Bemühungen, ist doch die sogenannte Erlebnisgeneration inzwischen mehrheitlich reduziert auf Menschen, die etwa zwischen 1925 und 1945 geboren wurden.

Ihre Erlebnisse und Erfahrungen in der Heimat, betreffend das deutsch-tschechische Verhältnis im letzten Jahrzehnt der Ersten Republik die Protektoratszeit und vor allem auch die Vertreibung und schließlich ihre Ankunft in Deutschland erfuhren sie als Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Der Autor befragte mehr als 200 Teilnehmer in Gruppen von je acht bis zwölf Männern und Frauen, welche ihre Reaktion auf die etwa 200 Fragen mit einem einfach zu bedienenden Gerät aufzeichneten und einem Rechner zuführten. Dann folgte noch eine kompakte, thematisch beschränkte Befragung mit etwa 250 Teilnehmern.

Der Autor verdient hohes Lob für die inhaltliche Qualität seiner Fragen, welche sicherlich vor allem aufgrund ihrer Relevanz zu überzeugenden und stichhaltigen Ergebnissen geführt haben. Ob eine derartige Untersuchung auch von einem Nicht-Landsmann hätte konzipiert werden können, ist zweifelhaft.

Sieghard Gall befaßt sich auch mit der Rezeption des deutsch-tschechisch-österreichischen Spielfilms „Habermann“ durch die Erlebnisgeneration, in welchem der tschechische Regisseur Juraj Herz die schwierigen Verhältnisse im gemischtnationalen Sudetenland zwischen 1937 und 1945 erstmals auf eine beiden Seiten möglichst gerecht werdende Weise darstellt. Schließlich enthält das Buch 16 ausgewählte Erinnerungstexte, in welchen Betroffene die noch heute ausgeprägte Intensität der Erlebnisse von 1945 bis in die späten vierziger Jahre dokumentieren – ohne emotionale Polemik und doch überzeugend – ein Beweis dafür, daß die Vertreibung bei den Zeitzeugen bis heute spürbare tiefe Spuren hinterlassen hat.

Das Buch ist eine Bestandsaufnahme der geistigen oder seelischen Verfassung der direkt Betroffenen nahezu sieben Jahrzehnte seit ihrem erzwungenen Verlassen der Heimat. Es belegt auf sehr sachliche, zurückhaltende Weise die teilweise ähnlichen, teilweise aber auch unterschiedlichen Ansichten verschiedener Gruppen, welche der Landsmannschaft, dem Witikobund, der Ackermann-Gemeinde und der Seliger-Gemeinde nahestehen. Und es geht dabei um Themen und Begriffe wie Heimat, die Einstellung zur Ersten Republik, die Gründe für den mäßigen Erfolg der aktivistischen Parteien und für die Entwicklung hin zur Sudetendeutschen Partei, die Einschätzung der tschechischen Haltung damals und heute, das Nebeneinander der Ethnien und schließlich um die Beurteilung von so komplexen Themen wie „Opfer, Täter, Unrecht und Schuld.“ Daß die Beteiligten zu letzteren Themen keine annähernd einheitliche Einschätzung erkennen ließen, dürfte kaum überraschen.

Für den überwiegenden Teil der Befragten ist das Thema Vertreibung nicht abgeschlossen. Je stärker bei den Befragten noch heute die Empfindungen von Verlust und Trauer sind, gezeichnet von Verbitterung in Verbindung mit den Erlebnissen von 1945/1946, um so weniger ist die Vertreibung oder gar ein Schlußstrich unter die Vergangenheit für die Beteiligten hinnehmbar. Und die noch immer vielfach negativ erinnerte Aufnahme der Vertriebenen in der „neuen Heimat“ ist noch heute ein verstärkendes Moment der Verbitterung.

Das Buch erfordert konzentrierte Lektüre. Es ist eine wertvolle und gültige Bestandsaufnahme der derzeitigen Verfassung der Erlebnisgeneration. Sieghard Galls Buch ist der Mehrheit der Landsleute zu empfehlen; für Funktionsträger der sudetendeutschen Organisationen enthält es besonders wertvolle Erkenntnisse.

Martin K. Bachstein


Korrespondenz zum Verfasser: Postfach 400765, D-80707 München, Mail: SGall.REACTOS@t-online.de


 

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