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Sudetendeutsche Sozialdemokraten in Kanada

Obwohl sie vor Hitler geflohen sind, gelten sie als "Verräter"

Utl: Vor 75 Jahren flüchteten tausende sudetendeutsche Sozialdemokraten nach Kanada

Vor einem Vierteljahrhundert wurde in British Columbia in Kanada von Sudetendeutschen das kleine Städtchen Tomslake gegründet. - "Viele unserer Landsleute waren zunächst verzweifelt. In der Heimat ging es ihnen besser, dort hatten sie Arbeit, hier aber mussten sie in einer maroden Wohnung unter sehr primitiven Verhältnissen völlig neu anfangen. - Einige Sudetendeutsche waren äußerst unangenehm überrascht, als sie erfuhren, dass sie nicht in ihr Heimatland, aus dem sie vor Hitler geflohen waren, zurückkehren durften."

Diese Geschichte der sudetendeutschen Siedler in der abgelegenen kanadischen Wildnis zeigt deutlich den Irrsinn des ständig wiederholten Geredes von der Kollektivschuld der aus der Tschechoslowakei ausgewanderten Sudetendeutschen. Die Siedler von Tomslake wollten nicht der Republik den Rücken kehren, sondern dem Nationalsozialismus, und doch werden sie, zumindest aus der Perspektive der Benes-Dekrete, als "Verräter" der Nation betrachtet. Leider findet man hierzu kein Informationsmaterial in irgendeinem tschechischen Museum, sondern nur im Nordwesten Kanadas.

Vor 75 Jahren gründeten tausend Sudetendeutsche in der kanadischen Wildnis die Stadt Tomslake. Das war eine Flucht vor Hitler nach Kanada . Dieses wenig bekannte Kapitel der deutsch-tschechischen Geschichte beweist, dass nicht alle Sudetendeutschen den Nazis applaudierten.

Tomslake ist eine kleine Stadt im Norden der kanadischen Provinz British Columbia, etwa 800 Kilometer von der Grenze zu Alaska entfernt. Wenn Touristen hinter Grünflächen eingangs der Stadt das Sudetendeutsche Museum entdecken, erweckt es den zwingenden Eindruck, dass es der Schicksalsgeschichte des fremden Kontinents gewidmet ist. Aber der Schein trügt.

Tomslake, inmitten der seltsam schönen kanadischen Natur, verdankt seine Existenz in Wahrheit den Sudetendeutschen. Diese Deutschböhmen, mehrheitlich Sozialdemokraten, mussten ihre Heimat verlassen, um als Gegner des Nationalsozialismus nach der Besetzung der Tschechoslowakei nicht in Konzentrationslagern der Nazis oder an der Front zu landen. Doch paradoxerweise gelten für sie die Nachkriegs-Benes-Dekrete ebenso wie für jene Deutschen, die sich Hitler angeschlossen hatten.

"Die Sudetendeutschen kommen aus den deutschsprachigen Gebieten der Tschechoslowakei, die bis 1918 Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie waren", erfährt man auf der Website des Sudetendeutschen Museums in Tomslake. Im Nordwesten Kanadas ging man offenbar davon aus, dass die meisten Touristen eine solche Erklärung zum historischen Verständnis der Stadt brauchen.

Vor fünfundsiebzig Jahren entstand an dieser Stelle ein Haus nur vom undurchdringlichen kanadischen Wald umgeben. Das war die Basis für Tausende von Sudetendeutschen, die ihre Heimat in der Mitteleuropa verlassen hatten, um sie durch die raue Wildnis des Nordens zu ersetzen.

Die letzten freien Deutschen

Nach Ankündigung Hitlers Annexion des Sudetenlandes an Deutschland im Jahre 1938, standen die Sozialdemokraten vor einer schwierigen Entscheidung. Entweder abwarten, bis sie kommen, um dann von der Gestapo ins Konzentrationslager oder zur Armee geschickt zu werden, oder einfach das Land verlassen.

Auf dem letzten Kongress der DSAP (Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei) sollte diese Frage gelöst werden. "Wenn wir diesen Kampf verlieren, dann wird es den letzten freien Deutschen irgendwo in den Wäldern Kanadas treffen", sagte der Vorsitzender Wenzel Jaksch der DSAP zu einer Zeit, die durch Übertreibungen gekennzeichnet war.

Was zunächst nur eine verzweifelte Übertreibung war, wurde schließlich Realität. Zwischen September 1938 und März 1939 gab es im Land rund 3.000 von insgesamt 20.000 deutschen Sozialdemokraten, die als Folge der dramatischen Ereignisse jener Zeit ihre Häuser verließen und die Flucht ergriffen..

Die ehemalige Exil-Regierung in Großbritannien verhandelte zusammen mit der Führung der DSAP mit der britischen Regierung, um für die meisten von ihnen Asyl im Norden von British Columbia zu bekommen. Kanada stellte allerdings die Bedingung, dass nur solche Flüchtlinge akzeptiert würden, die Erfahrung in der Landwirtschaft hatten und Wald in Ackerland verwandeln könnten.

Hunderte Lehrer, Beamte und Industriearbeiter unterzeichneten die falsche Aussage, dass sie ein Leben lang auf dem Feld oder im Stall gearbeitet hätten. Erst danach konnten sie in mehreren aufeinanderfolgenden Schiff-Transporten nach Kanada ausreisen. Auf sie warteten lediglich Zelte, Holzhütten, Axt und Schaufel.

"Viele unserer Landsleute waren zunächst verzweifelt. In der Heimat ging es ihnen besser, dort hatten sie Arbeit, hier aber mussten sie plötzlich in einer maroden Wohnung unter sehr primitiven Verhältnissen völlig neu anfangen.", beschrieb Willi Wanka die Anfänge der kanadischen Basis in dem Buch "Opfer des Friedens".

Laut Wanka habe sich herausgestellt, dass nur fünf Prozent der Siedler Erfahrungen mit der Landwirtschaft hatten. "Aber die Not ist ein guter Lehrmeister und macht stark, ich kann sagen, dass wir sehr schnell gelernt haben", schrieb Wanka. Jede Familie von der britischen Regierung erhielt für den Anfang $ 1.500, aber nicht auf die Hand, sondern auf Rechnung der kanadischen Regierung, die nach und nach das Geld für den Bau der Basisinfrastruktur ablöste. Währenddessen mussten viele Siedler an die von Hitler besetzte Heimat denken.

Die Perterswald/Petřvald Ozean

Zu den ersten Siedlern in der neuen Stadt Tomslake gehörte auch der zwanzigjährige Josef Gebhart aus Peterswald/Petřvald. In seinen Memoiren beschrieb er, wie er zuerst aus dem Sudetenland ins tschechische Binnenland und dann ins Ausland flüchtete.

In Peterswald/Petřvald war er Mitglied der Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei, die den Nazis selbstverständlich ein Dorn im Auge war. Als die Nazis das Schaufenster einer Konditorei, die Gebharts Onkel gehörte, zerschlugen, zog die Familie unverzüglich nach Prag.

Der Aufenthalt Gebharts in Prag war nur von kurzer Dauer. "Mit einem Sonderzug fuhren wir in die polnische Hafenstadt Danzig und gelangten von dort aus per Schiff nach England", erinnert sich Gebhart. Er war einer der 3.000 deutschen Sozialdemokraten, der durch die Flucht sein Leben retten und dem Konzentrationslager oder der Front entrinnen konnte. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder der deutschen Sozialdemokratie hatte dieses Glück nicht.

Von Großbritannien aus erreichte Josef Gebhart Kanada, wo er nach extremen Anfangsschwierigkeiten mit seiner Familie eine erfolgreiche Farm aufbaute. Nicht nur das kleine Museum voller Fotos erinnert an das Schicksal der deutschen Siedler in Tomslake, sondern auch das Denkmal der Stadt, das an die ersten Bauherren aus dem Sudetenland erinnert.

Die zweite Gruppe der deutschen Emigranten kamen in andere kanadische Provinzen. Die Frage ist natürlich, wie diese Kanada-Einwanderer über die große Entfernung von ihren Landsleuten der Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei wahrgenommen werden können.

Nach Rudolf Pueschel, ein anderer deutscher Auswanderer, der die Geschichte Tomslake kartiert hat, waren einige Sudetendeutschen äußert unangenehm überrascht, als sie erfuhren, dass sie nicht in ihr Heimatland, aus dem sie vor Hitler geflohen waren, zurückkehren durften. Für sie gelten die Nachkriegs-Benes-Dekrete. "Andererseits haben eine Reihe von Landsleuten, die zuvor kein Haus besaßen, in dem neuen Land Immobilien gebaut. Und solche Menschen schauen verständlicherweise nur ungern zurück." meint Pueschel.

Diese Geschichte der sudetendeutschen Siedler in der abgelegenen kanadischen Wildnis zeigt deutlich den Irrsinn des ständig wiederholten Geredes von der Kollektivschuld der aus der Tschechoslowakei ausgewanderten Sudetendeutschen. Die Siedler von Tomslake wollten nicht der Republik den Rücken kehren, sondern dem Nationalsozialismus, und doch werden sie, zumindest aus der Perspektive der Benes-Dekrete, als "Verräter" der Nation betrachtet. Leider findet man hierzu kein Informationsmaterial in irgendeinem tschechischen Museum, sondern nur im Nordwesten Kanadas.

Marek Kerles, Mitarbeiter der LN (Lidové Noviny-Volkszeitung), 25. Juni 2014

 

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