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Zwangsarbeit in Kohlengruben 1945/46 - Teil 2

Auf Zwangsarbeit in den Kohlengruben in Mähr.-Ostrau nach Kriegsende 1945/46

- Ein Erlebnisbericht von Max Elsner, Klein-Mohrau Nr. 179 – (2)

Die Verpflegung war unser größtes Problem. Das Essen war schlecht und viel zu wenig. Morgens gab es schwarzen Kaffee (allerdings keinen Bohnenkaffe), dazu die Hälfte von einem kleinen Brot. Einen Teil davon habe ich mir in die schwarze dünne Brühe, eingebrockt und den Rest nahm ich mit in die Grube. Das Mittagessen wurde der Frühschicht nach Rückkehr vom Schacht zwischen 14 und 15 Uhr in einer Blechschüssel ausgeteilt. Die meisten Tage in der Woche gab es "Stacheldraht"; das war Dörrgemüse, hauptsächlich Karotten mit etwas Kartoffeln. Beim genauen hinsehen waren darin tote' Würmer zu finden.

Mein Onkel, Rotter Karl, war auf Grund seiner starken Körperstatur immer hungrig. Sehr oft habe ich ihm von meiner Portion den größten Teil überfassen,  weil ich das Zeug nur mit Widerwillen schlucken konnte. Die anderen Tage gab es Kartoffeln mit Majoran-Soße. Ob wir jemals ein wenig Wurst oder Fleisch oder Brotaufstrich bekamen, weiß ich nicht mehr. Die Spätschicht hat um 13 Uhr Mittagessen erhalten. Danach ging es zur Arbeit in den Schacht.

Bei der Rückkehr gegen 22 Uhr wurde noch etwas dünne Suppe ausgeteilt. Wir bekamen täglich 3 Zigaretten. Ich habe sie gesammelt und dann versucht bei den Wachmännern gegen Brot einzutauschen. Sehr vorsichtig musste man den Tauschpartner aussuchen, traf man den Falschen, gab es Prügel.

Jeden Monat bekamen wir eine Lohnabrechnung, wie die Tschechen auch. Das Papier für uns hätte man sich sparen können. Der Lohn wurde so berechnet, dass nach Abzug der Kosten nichts mehr übrig blieb. Abgezogen wurde für Verpflegung, Arbeitskleidung, Waschmittel, ja sogar für die miserable Unterkunft und den Wachdienst. Manchen Monat musste ein Verlust auf den nächsten Monat vorgetragen werden.

Der tägliche Weg zum Schacht, unter Bewachung, dauerte fast 45 Minuten und war auf Feldwegen und Nebenstraßen mit den Holzschuhen sehr beschwerlich. Vor allem im Winter bei Eis und Schnee und mit unserer dünnen privaten Kleidung. Der Rückweg nach getaner anstrengender Arbeit war noch viel schwieriger. Wir torkelten vor Müdigkeit mehr, statt zu gehen.

Große Angst hatte ich vor der ersten Einfahrt in die Grube. Das Angstgefühl hat mich diese ganze Zeit begleitet. Der Gedanke, eventuell hier im Schacht das junge Leben zu verlieren, hat mich nicht losgelassen. Unsere Arbeitsstätte unter Tage hatten wir, nach der Einfahrt, nach ca. 30 Minuten Fußmarsch erreicht. Es war immer der sechste Stollen in 1100 m Tiefe. Uns Deutschen wurden die niedrigsten Kohlenflöze mit einer Höhe von 70 bis 100 cm Höhe zum Abbau der Kohle zugeteilt, so dass wir nur Kniend oder im Liegen mit einem 10 kg scheren Presslufthammer arbeiten konnten und das acht Stunden lang. Eine ungewohnte Tätigkeit für meine, nicht an schwere Arbeit gewöhnte, kleinen, noch kindlichen Hände!

Für die Sicherheit und das Aufstellen der Stempel waren wir, nach kurzer Anweisung, selbst verantwortlich. Mehr darüber, später in einem FL. Eines Tages im Mai wurde ich zur Hauptwache gerufen. Auf der anderen Seite des großen Tores stand meine Schwester Herta. Ein sehr ergreifender Moment. Wir durften uns nicht berühren. Das kleine Päckchen, das sie dabei hatte, wurde mir vom Wachmann, nach Kontrolle, ausgehändigt. Es enthielt Wäsche und Kleidung. Das Wiedersehen dauerte nur 10 Minuten, dann musste ich wieder zurück. Die strengen Vorschriften wurden später etwas gelockert.

Eines Tages bekam der Hanke Rudi, von daheim, ein kleines Packet mit einem Säckchen Graupe und einem Stück Rauchfleisch. Auf dem Kanonenofen bereiteten wir im Kochgeschirr daraus ein Essen. Jeder konnte nacheinander mit dem Löffel zugreifen bis nichts mehr da war.

Im August sickerte die Nachricht durch, dass unsere Entlassung bevorsteht. Der Grund: die Vertreibung aus der Heimat für unsere Familien hatte begonnen. Anfang September 1946 wurde ich, zusammen mit Jauernig Rudolf, freigelassen. Der Entlassungsschein' diente gleichzeitig als Fahrschein mit dem Zug von Mähr.-Ostrau nach Freudenthal. Von dort aus mussten wir zu Fuß nach Klein-Mohrau gehen und kamen in der Nacht daheim an. Meine Mutter und meine Geschwister haben mich nicht gleich erkannt, mit der Glatze, abgemagert und vom Kohledreck gezeichnet. Und das alles wofür?

Am 18. September 1946, mit Transport Nr. 28, ging es zusammen mit meiner Familie im Güterwaggon von Freudenthal über Prag, Pilsen und über die Grenzstation Furth im Walde nach Bayern in eine ungewisse Zukunft.

Es ist mir nicht leicht gefallen, diese Zeilen zu schreiben, musste ich doch auf Ereignisse zurückgreifen, die mich vor 69 Jahren hart getroffen haben. Gleichzeitig soll dieser Beitrag aber auch der jüngeren Generation aufzeigen, was die sogenannten heutigen "Alten" nach Kriegsende ertragen mussten.


So beende ich nun meinen Bericht mit dem Bergmanns Gruß "Glück Auf“.

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