Und es geht doch

von Manfred Maurer

DIE BEDENKENTRÄGER sind stets schnell zur Stelle, wenn nach Begründungen gesucht wird, warum etwas nicht funktionieren kann. In Tschechien hört man bis zum heutigen Tag als absurde Begründung für das Festhalten an den Beneš-Dekreten, daß selbige das Fundament des Staates seien und daher auf keinen Fall aufgehoben werden könnten. Die selben Personen erklären im nächsten Atemzug, daß die Dekrete eigentlich eh gar nicht mehr gültig sind. Also was nun?

Braucht Tschechien die Dekrete nun als Staatsfundament oder kann es darauf verzichten, weil etwas, was nicht mehr gültig ist, ja auch keinerlei Wirkung entfalten kann? Tatsächlich geht es ohnehin nur um keine paar Dekrete, welche die Sudetendeutschen (und Magyaren) betref­fen.

Keine Rede also von einer Aushöhlung des Staatswesens, sondern nur von der Entfernung eines Krebsgeschwürs. Doch wer dies fordert, dem wird gleich die nächste Katastrophe vor Augen gehalten: Da kommen ja diese Sudetendeutschen alle daher und wollen das zurück. was ihnen 1945 / 46 genommen worden ist. Und das hält der tschechische Staat nie und nimmer aus.

WEIL DIESE Horrorgeschichte oft wiederholt und mit dem alten, aus „seinem" Haus vertriebenen Tschechen-Mütterlein geschickt herzschmerzmäßig illustriert worden ist, schreckten auch viele österreichische und deutsche Politiker davor zurück, die Tschechen praktischerweise vor dem EU-Beitritt zu einer Bereinigung des Nachkriegsraubzuges zu drängen.

Nicht nur die Politiker wollten sich nicht als Anwälte der Sudetendeutschen die Finger verbrennen und - wie es üblich ist - ins rechte Eck vertrieben werden. Nein, auch so mancher sudetendeutscher Funktionär will die ach so wunderbare Versöhnung nicht mehr mit unbequemen Fragen nach Restitution oder Entschädigung belasten.

UND BITTE, hieß es immer wieder, seien wir doch realistisch: Da ist nichts zu machen! Die Tschechei sei halt in dieser Frage unnachgiebig. Die Slowakei, von der im Zusammenhang mit den dort ebenso nach wie vor geltenden Beneš-Dekreten ohnehin niemand mehr redet, übrigens ebenso. Was soll man auch 70 Jahre danach noch tun? Außerdem ist das alles so kompliziert, sagen die Bedenkenträger.

Ja, in der Tat, es ist verdammt kompliziert, wenn man nach 70 Jahren ein Unrecht von gigantischen Ausmaßen so wiedergutmachen möchte, daß alle zufrieden sind und kein neues Unrecht entsteht. Da ist es doch viel einfacher. „Schwamm drüber" zu sagen und: Schauen wir in die Zukunft (um bei anderer Gelegenheit zu mahnen, daß ohne permanente Besinnung auf die Vergangenheit keine Zukunft möglich ist)!

JA, MAN KANN ES sich so einfach machen. Doch es geht auch anders. Und das sogar ohne großes politisches Getöse. Serbien macht es gerade vor. Dieses Land, das sich seinen EU-Beitritt erst verdienen muß, stellt sich seiner Geschichte nicht nur mit schönen Worten des Bedauerns, sondern verleiht diesen Worten durch konkrete Taten Glaubwürdigkeit.

Die ersten Donauschwaben haben ihr nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenes Eigentum bereits zurückerhalten, viele werden wohl noch folgen. Und auch die Opfer der Gewalt in den Tito-Konzentrationslagern werden nicht mit wenig aussagekräftigen Gedenktafeln abgespeist, sondern können Entschädigung beantragen. Die Summen, die da winken, machen das Geschehene natürlich nicht ungeschehen, doch sie sind Pflaster auf den Seelen der bis heute unter den Folgen Leidenden beziehungsweise deren Hinterbliebenen.

SERBIEN BESCHÄMT mit seiner vorbildlichen Politik unter anderem Kroatien, das seinen Donauschwaben ebenfalls Restitution und Entschädigung in Aussicht gestellt hat. Doch das war vor dem EU-Beitritt, als man Länder wie Deutschland und Österreich noch als Fürsprecher brauchte. Seit Kroatien in der EU ist, geht in der Frage nichts mehr weiter. Beschämend auch für eine EU, der das völlig Wurscht ist. Beschämend natürlich auch für Tschechien und die Slowakei.

AM MEISTEN beschämt fühlen müssen sich durch Serbien aber jene sudetendeutschen Vertreter,. die die Forderung nach Restitution und Entschädigung aus der Satzung der Landsmannschaft streichen wollen. Aber es besteht ja noch Hoffnung, daß die Gerichte dieser voreiligen Kniefälligkeit und vorauseilenden Gehorsamkeit Einhalt gebieten. Denn Serbien führt gerade vor: Echte und ehrliche Versöhnung ist möglich - wenn man nur will!

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 11 vom 5. November 2015.

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